Asyl

image

Es gibt dieses Cliches von der Ähnlichkeit der Besitzer zu ihren Haustieren. Bei ‚Milo‘ kann ich es bestätigen. ‚Milo‘ ist ein muskelbepacktes, mindestens 150 Kilo schweres Kampfhund-Etwas, das kraftstrotzend und an einem extra dicken Lederhalsband von seinen Besitzern in die gewünschte Richtung gezogen wird. Sein auf Aggressivität gezüchtetes Dasein, mit kleinen, dunklen, grausamen Augen und einem Gebiß, das mit Sicherheit verchromte Autostoßstangen zum Frühstück knuspert, spricht Bände über die Geisteshaltung der Besitzer, auch wenn ich nicht zuhören möchte. Tätowierte Bodybuildertypen aus dem Türsteher-Millieu, die einander zärtlich ‚Digga‘ nennen. Ich halte lieber Abstand zu ihnen, denn selbst bei öffentlichen Veranstaltungen weiß man ja niemals mit Sicherheit, ob man von denen nicht unangespitzt in den Boden gerammt wird, nur weil man vielleicht falsch geguckt hat.

Überhaupt ist es beachtlich, wie viele Menschen hier sind. Scheinbar ist Tierschutz ein Thema, dass identitätsstiftend wirkt. Ich bin sehr dankbar, dass die Besucher nicht alles Freunde von ‚Milo‘ sind, sondern daß sich ein repräsentativer Querschnitt an Vierbeinern aufgemacht hat, um das Tierheim zu besuchen, inklusive der sich am anderen Ende der Leine befindlichen Menschenaffen. Bei diesen handelt sich um eine bunte Mischung aus Hamburgern, hohe Tiere inbegriffen. Selbst der unvermeidbare Carlo von Thiedemann gibt seine Moderationskünste zum Besten. Die Menschen drängen sich über das Gelände, das ungefähr fünf Fußballfelder groß ist. Als überzeugter Nichttierhalter bin ich erstaunt darüber, daß sich hier alle mit ihren Hunden einfinden. Vielleicht ist es aber auch so eine versteckte Erziehungsmaßnahme, so ähnlich wie die in einigen Ländern auf den Zigarettenschachteln abgedruckten schwarzen Lungen und Tumore. Wenn du nicht spurst, Fido, dann kannst du dir schon mal ansehen, wie es mit dir enden könnte.

Eher wahrscheinlich ist es, daß es sich um ein Sehen und Gesehenwerden, ein Einandererkennen, die animalische Untermauerung der Persona, Ich als Tierschützer und Veganer, handelt. Denn in der Tat, das Futter für die Menschenaffen, welches neben den Taubenfreunden aus Lüneburg und dem Hunderettungsmobil (gestiftet von XY), angeboten wird, ist überdeutlich als fleischlos und tierproduktefrei annonciert. Keine Chance also auf eine Currywurst oder einen Döner. Pfui, wie kann man angesichts der befellten Mitgeschöpfe auch nur an sowas denken? Aber es ist mehr als eine Ernährungsempfehlung, eher eine Aufforderung, zu welcher es keine Alternative gibt, ein Angebot, das man nicht ablehnen kann, wenn man sich als Tierfreund definiert. Und weil sich eben keiner als Fleischfresser outen will, abgesehen von den Hunden, werden halt vegane Speisen für den guten Zweck gemümmelt. Diejenigen, die ganz sicher gehen wollen oder deren jugendliches Gerechtigkeitsempfinden es noch zulässt, tragen dazu noch Sticker oder T-shirts mit der frohen Botschaft spazieren. Insgesamt müssen es also sehr gewissenhafte Tierfreunde sein, die in der Mehrheit mit dem Auto gekommen sind.

Neben Hunden und den Katzen, die statt in einem Zwinger in einem Katzenhaus leben, gibt es aber auch noch viele andere Tiere, welche durch die Begegnung mit der Krone der Schöpfung in irgendeiner Art und Weise Schaden genommen haben und deswegen gesundgepflegt werden müssen. Schlangen, Spinnen, Schildkröten, Pferde und ein Fuchs, der abseits der Besucherströme gehalten wird, damit man ihn wieder auswildern kann. Und angesichts der Art und Weise, wie mancher Besucher mit seinem Hund umgeht, wünscht man dem ein oder anderen Tier einen Aufenthalt in diesem Tierheim. Quality time. Währenddessen steht eine Frau auf der Bühne und referiert über die Qualen, denen die Stadttauben ausgesetzt sind. (Tauben sind ehemalige Haustiere und müssen gefüttert werden.) Sie redet über viele schlimme Dinge, einschließlich über die Bestien, die unverantwortliche Menschen auf die Vögel hetzen: Kinder. Ist bestimmt nicht nur in Lüneburg so. Ich lasse den Blick weiterschweifen, der Besucherstrom ebbt nicht ab, eine Tierpflegerin trägt einen Igel durch die Menschenmenge, ein bisschen hin- und hergeworfen in seinem durchsichtigen Plastikeimerchen, eine Frau schleicht einher, an ihrer Leine eine alte Dackeldame, kaum noch fähig sich zu bewegen und mit einer großen, baumelnden Geschwulst am Hals. Nicht jeder findet im Alter jemanden, der so geduldig mit einem spazierengeht.

Nach zwei Stunden kehre ich diesem Heim für Tiere den Rücken. ‚Milo‘ und seine Begleitung steigen derweil in einen albern gestalteten japanischen Kleinwagen mit einem ‚Ein Herz für Tiere‘ und einem christlichen Regenbogenfisch Aufkleber. Scheinbar hat das Bällebad in der Kinderkrippe des schwedischen Möbelhauses seit neuestem Türsteher.