Let it snow

Das ist jetzt genau die Stimmung, die eigentlich absolut ungeeignet für die Konservierung ist, aber genau deswegen habe ich begonnen die Tasten zu drücken: was soll das Filtern und Zurechtbiegen, das Täuschen und Ausschmücken, welchen Mehrwert hast Du, wenn ich Dir nicht aufrichtig begegne? Und jetzt bin ich einsam, der Schnee fällt spärlich und bleibt nicht liegen, die Meinungen der Menschen auf Twitter lassen mich weiterhin ratlos zurück, überfordern mich, ängstigen mich und die vielen Facetten blenden, so daß ich die Augen schließe. Einzig die Ruchlosen, die Hassenden, die grausamen Menschen, scheinen über eine nicht enden wollende Energie zu verfügen, das Leben vergiften zu wollen. Keine Rücksicht auf die Zerbrechlichkeit des Menschen, keine Aufmerksamkeit, kein Lernen, nur Recht haben wollen. Dabei ist die Wahrheit, daß es keine Wahrheit gibt, so offensichtlich. Aber was beschwere ich mich? Wir leben in einer Zeit, in dem nahezu jedem die Möglichkeit des Publizierens offensteht, man sieht es ja an diesen Zeilen, und nun kommen eben auch die Kreaturen zum Zuge, die in den Siebzigern und Achtzigern halt zu faul waren, einen Text zu verfassen und diesen mittels Kopiermaschine unter die Leute zu bringen. Womöglich noch den Leuten dabei ins Gesicht schauen. Würg!
Ich liebe das Grau draußen, das alles umgebende, filternde und lindernde Grau, das sich nicht nur im Himmel zeigt, sondern sich auch über die Fassaden legt und die Visagen der Passanten tönt. Nur die neongelben Sicherheitsjacken können dagegen anschreien oder das blinkende Fahrradlicht, das rhythmisch pöbelnd an meinem Fenster vorbei zieht. Kakao mit Rum nennt man Lumumba. Ich habe weder das eine noch das andere, denke aber gerne an den Zustand zurück, den ich mit dem maßvollen Konsum geistiger Getränke erreichen konnte. Nervenberuhigung, Frieden. Zu blöd nur, das es jetzt Vergangenheit ist. Vergangenheit. Nichts ist irritierender, als sich selbst auf alten Fotos anzusehen und sich zu fragen, wer dieser Mensch dort eigentlich ist, den man doch ganz gut zu kennen glaubt. Gemachte Erinnerungen.

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Junge Männer, spielend.

Der Supermarkt ist gut sortiert. Nur bei Reisen in ärmere Gegenden der Republik wird mir noch klar, welcher Luxus dort angeboten wird. Nicht, daß ich in Blankenese wohnen würde, weit davon entfernt, aber im Vergleich zur Bonner Nordstadt, wo selbst der lösliche Kaffee hinter verschlossenen Glastürchen präsentiert wird, ist hier das Schlaraffenland. Ob ich wohl noch miterleben werde, wie uns der Wohlstand verlässt? Vielleicht geht er so heimlich und schnell, wie er während der Wirtschaftswunderzeit gekommen ist? Der Wocheneinkauf ist somit ein Marker – noch mal geschafft, nochmal Glück gehabt, die Tore stehen demjenigen mit Talern in der Tasche offen und zur Zeit gehöre ich dazu. Die Vorfreude ist groß. Bald darf ich mir den Bauch vollschlagen und entspannt im Wohnzimmer sitzen. Thelonious Monk spielt dazu.

RE: Message in a bottle

Amnesty International würde gegen meine Haftbedingungen protestieren, wenn ich in einem Gefängnis wäre.

 

Ich bin aber freiwillig hier.

 

1×2 Meter mit Licht, Handwaschbecken und Toilette. Sogar eine Steckdose kann ich nutzen.

 

Kein Fenster.

 

Eines abends, kurz vor dem Abendbrot habe ich beschlossen, einfach abzuschließen und hier zu bleiben.

 

In der Türe gibt es unten so einen Lüftungsschlitz.

 

Der ist groß genug, damit man mir das Essen rein reichen kann oder mal neue Kleidung. Waschen kann ich meine Socken ja im Waschbecken. Mit ein paar Seifenhobeln.

 

Anfangs haben natürlich alle versucht mich da raus zu reden. Mit guten Argumenten zuerst, dann mit Drohungen, später mit Flehen und Bitten, aber schließlich hat man meinen neuen Lebensraum einfach akzeptiert.

 

Durch den Schlitz in der Türe kann ich sogar meinen Kindern manchmal die Hand geben.

 

Zugegeben, die ersten Jahre war es ein wenig gewöhnungsbedürftig, denn schließlich ist das Licht ja immer an. Der Lichtschalter befindet sich halt draußen vor der Tür. Draußen vor der Tür.

 

Notizen mache ich mir auf dem Toilettenpapier. Das geht gut, solange es keine albernen Blümchenmuster hat.

 

Das Schlafzimmer meiner Frau ist direkt nebenan.

 

Von Zeit zu Zeit höre ich eindeutige Geräusche aus dieser Richtung.

 

Aber ich bin einverstanden.

 

Irgendwann habe ich mir dann auch ein Handtuch über den Spiegel gehängt.

 

Richtig erschrocken war ich, als eine dunkelhäutige Hand durch den Schlitz in der Tür kam.

 

Scheinbar ein Ausländer, der sich um meine Belange kümmert, wenn diese Familie im Urlaub oder sonstwie abwesend ist.

Geräusche von nebenan.

Er spricht nicht viel. Eigentlich gar nicht. Ob er überhaupt reden kann, weiß ich nicht, aber es ist mir auch egal. Ich nenne ihn Freitag.

 

Alles in allem bin ich ziemlich zufrieden in meiner Welt.

 

Kleine Spinnen kommen manchmal zu Besuch. Kleine Spinnen.

 

Oder ein Falter verirrt sich in mein Reich.

 

Solcherlei Gesellschaft ist aber nie von langer Dauer, denn schnell verschwinden die Gäste wieder. Sie langweilen sich wohl. Zuwenig Action.

 

Das mit der Flaschenpost durchs Klo war eigentlich nur so eine Schnapsflaschenidee.

 

Aber schön, dass sie mitlesen.

 

Ich halte sie auf dem Laufenden. Laufenden.

 

R.

Ohne Pointe

Irgendwo in D schaut er jetzt aus einem Fenster und sieht den selben Tag wie ich, erkennt vielleicht etwas anderes in ihm oder gar nichts mehr. Er ist 73 Jahre alt und wenige Menschen interessieren sich für ihn; die wenigen, die es tun, aus professionellen Beweggründen, weil es das ist, was man in einem Hospiz tut – sich um Leute kümmern – Leute, die sterben.  Nicht viel ist mir von Herrn K. bekannt und man kann wirklich nicht sagen, daß er mir symphatisch gewesen wäre, damals, als er noch mein Nachbar war. Selbst ihn ‘Herrn K.’ zu nennen fällt mir schwer, hieß er bei uns nur ‚Der K.’. Aber sobald er gestorben sein wird, wird ein komplettes Menschenleben verschwinden, ein trauriges. Als Kind ist er viel geschlagen worden, sagt seine Schwester. Von seinem Vater. Der Polizist war. Und trotzdem oder gerade deswegen wollte er gerne selber Polizist sein, was ihm aber nicht gelang. Dafür sammelte er Polizeiabzeichen. Hunderte von ‚Sheriffs’, ‚Deputies’ und ‚Highway-Patrols’ hingen in dem dunklen Flur seiner Wohnung, ordentlich mit Nadeln in Reih und Glied gespießt auf mit grünem Filz bezogenen Sperrholzbrettchen. Darüberhinaus war er aber auch merkwürdigerweise der Erste in der Nachbarschaft, der ein Telespiel besaß. Die Person, von der man es am wenigsten erwartet hätte, spielte also PONG und ich als Sohn des Nachbarn, durfte es mir einmal ansehen. Nur schauen, nichts anfassen.  Er arbeitete dann als Werkschützer in einer Fabrik bei Köln. Das ist fast das Gleiche wie Polizist.  Vielleicht. Auf jeden Fall mit Uniform und Abzeichen. Alles hat schließlich seine Ordnung zu haben. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Wahrscheinlich geriet deswegen seine Welt so schnell in’s Wanken, weil wir als Kinder die erste Bürgerpflicht nicht kannten und auf der Wiese vor seiner Wohnung laut spielten, verbotenerweise mit dem Lederball kickten. Dann kam er auf seine Terasse gestürmt (über der Terassentür hing ein Deko-Karabiner) und schrie uns an. Bis auf zwei Ausnahmen hat er immer alleine gewohnt; die Frauen haben es nie lange mit dem pedantischen Griesgram ausgehalten. Dafür hatte er eine innigere Beziehung zu Hunden. Große Hunde. Wachhunde, die er auch mit zur Arbeit nahm. Dobermann-Pinscher. Und weil er so beliebt bei der Nachbarschaft war, hat man ihm irgendwann seinen Hund vergiftet. Das hat ihn sehr traurig gemacht. Das Einzige, was ihm wirklich nachhaltig Spaß zu machen schien, war das Rauchen. Er rauchte sehr viel. Und da die Vormieter seiner Wohnung schon starke Raucher waren, wird das Nikotin zentimetertief in das Mauerwerk eingesogen sein.  Eines Tages lag er im Hausflur und rührte sich nicht mehr. Die russlanddeutschen Nachbarn, die er selbstverständlich auch nicht mochte, fanden ihn und riefen den Rettungsdienst. Er kehrte nicht mehr in seine Wohnung zurück und der Hund mußte in’s Tierheim. Nachtrag: ‚Der K.’ ist im Schlaf gestorben.

Who’s Hank?

Es sind nur drei Stationen mit der S-Bahn und ein kleiner Fußweg durch langweilige Gegenden und schon stehe ich vor Pauls Garagentor. Paul ist eigentlich ein ganz netter Kerl, aber meistens geht mir seine Art auf die Nerven; er plappert einfach alles nach, was das Fernsehen oder Facebook als “wichtige Fragen” erachten und will dann partout mit mir darüber Diskussionen führen. Immer dieses ‘Meinungen haben’. Nervt und stört. Aber die Sachen hinter seinem Garagentor, sind immer eine kleine Reise wert und oftmals auch die paar Euros, die er dann, nachdem er mich lange genug hat daran schnüffeln lassen, von mir haben will.
“Was geht, Alter?!”, kommt er um die Ecke geschlurft.
“Hi Paul. Alles gut bei Dir?”
“Klaro – kein Glück in der Liebe, aber immer ein paar coole Teile am Start – wirste ja gleich sehen!”, sprachs und sucht in den tausend Taschen seines Overalls nach seinem Garagentorschlüssel. Auf die Bemerkung mit der Liebe gehe ich erst gar nicht ein, die Leier ist eh immer dieselbe: Monika hier, Monika dort, Monika da, Monika fort, Monika – seine große Liebe, Monika – die große Verräterin – ad infinitum! Stört und nervt!
“Mach mal hinne, bin gespannt, was die Garage des großen Meisters heute so beherbergt!”
Schließlich findet er den kleinen metallic-farbenen Schlüßel und schließt auf.
Beim Hochziehen quietscht der Tormechanismus und wir schlüpfen hinein. Während Paule die Türe wieder zuzieht (warum hat niemand mehr seit Nikki Laudas Unfall die Tür geölt?), knipse ich das Licht an. Paule reibt sich die Hände. Macht er immer so. Sein großer Auftritt. Auf einer Europalette liegt etwas, ungefähr so groß wie eine fette Melone, zugedeckt mit einer Plane.
“Hast du Monika den Kopf abgehackt?”
“Nee Idiot, viel besser!”, und mit einem Ruck ist die Plane runter. Auf der Palette steht eine Art großes Einmachglas, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit in der etwas gelblich-graues von der Größe einer Teekanne schwimmt. Ein Etikett klebt zigarettenschachtelgroß auf dem Deckel.
“Du hast Monika das Herz rausgeschnitten.”
“Ach, Quatsch. Lies lieber mal das Schildchen! Spooky, sag ich dir!”, Paulchen tippt auf das leicht vergilbte Klebeetikett, “Außerdem ist das Ding doch viel zu groß für ein Frauenherz, oder?”
Ich will gar nicht wissen, woher Paul sein vielleicht detailliertes Wissen über Anatomie haben könnte und neige mich zu dem Glas herunter. Ich sehe, dass die Beschriftung auf Englisch ist und in einer kleinen, aber gut leserlichen Handschrift verfasst ist. Neben Ort und Zeitangabe steht dort auch etwas über den Inhalt des Glases: Leber von Henry Charles Bukowski. Unfassbar! Paule hat die Leber von Bukowski in seiner Garage in einem Einweckglas stehen. Das Glas ist versiegelt, irgendwas ziemlich amtlich aussehendes wo ‘The state of California’ drauf steht.
“Wow, Paulchen, das ist ziemlich fett! Weißt du von wem das die Leber ist?”
“Naja, steht ja drauf, irgend so ein Pole oder sowas – bestimmt war der zum Tode verurteilt und da haben sie ihm nach dem elektrischen Stuhl die Organe rausgeholt oder sowas. Krasses Ding, oder?”
“Ja, voll heftig!”, andächtig knie ich nun auf der Europalette und male mir die Szene aus: Bukowski wird nach seinem Ableben in einer Nacht- und Nebelaktion von einem literarischen Bewunderer in Gestalt eines kalifornischen Pathologen aufgeschnitten und sein bestes Stück landet im Glas. Stand bestimmt aufm Kamin bei dem Arzt, bis dieser aus finanziellen Nöten heraus seinen Schatz an einen asiatischen Pfandleiher verkaufen musste. Und jetzt sitzt er unter der Brücke und es bleiben ihm nur noch die Erinnerungen und seine eigene Leber.
“Was willste denn dafür haben, Paule?”
“Och,”, Paul kaut auf einem imaginären Kaugummi rum, “eigentlich war das ja für mich auch eher so eine Dreingabe zu einem anderen Deal,” [Wie kann die Leber von Bukowski eine Dreingabe sein und was war dann der eigentliche Deal?], rollt die Augen noch ne Weile und pustet die Backen auf, “pffft und du bist ja auch wirklich n echter Homie und hilfst mir immer, wenn ich Streß mit Moni habe…”
“Was ja auch ziemlich oft passiert!”, werfe ich ein.
“Stimmt leider.”, er kneift die Augen zusammen und atmet schwer aus, “Ach, und unter Freunden sagen wir einfach: nen Hunni, okidok?”
“Ist geritzt, Paule!”, krame in meiner Geldbörse und drücke ihm zwei Fünfziger in die Hand, “Immer ne Freude mit Dir Geschäfte zu machen!”
Wir wickeln das Ding so gut es geht in irgendwelche Lumpen ein und er stopft es mir in meinen Rucksack. In der S-Bahn halte ich alles gut fest, damit es mir nicht von den Knien rutscht, falls der Fahrer mal wieder meint, es wäre lustig, voll in die Eisen zu gehen. Wäre ja auch eine echt fiese Sauerrei und richtig erklären könnte man das ja auch niemandem. Zuhause stelle ich das Paket vorsichtig auf dem Wohnzimmertisch ab und gehe zum Kühlschrank, um mir zwei Bier rauszuholen: eins für mich und eins für Bukowski.
“Kommst du in’s Bett, Schatzi? Ich habe doch so lange auf dich gewartet und trage auch deine Lieblingsunterwäsche – nämlich keine!”
“Einen kleinen Moment noch Moni, ich muß flugs noch mit Hank anstoßen, dann bin ich für dich da…”

#269

Großer Kerl, kaum zu bewegen, muss der auch so stinken, herrje. Ganz blau im Gesicht und dick und speckig und stinkt nach Pisse. Komischer Mantel, könnte von meinem Vater sein, schnell den Schal beiseite, warum ist das so verwurschtelt? Speck, wie ein gestrandeter Wal der Typ, speckiges Hemd, dicker Hals, irgendwo muss doch der Puls sein. Kein Puls, liegt bestimmt an mir, dicker Penner, kannst bestimmt nichts dafür, aber kann nicht lange rumsinnieren, und atmen tust du auch nicht. Also eigentlich tot, aber wer entscheidet das, also schnell jetzt. Beatmen. Kopf, so dick, überstrecken, darf ihm nicht weh tun, Nase zu und meinen Mund auf seinen, wie oft noch mal? Luft rein, Brustkorb hoch, wie bei der Puppe, wie beim Training, geht nicht, Luft geht daneben und seine Lippen sind dick und machen Furzgeräusche. Ich mache die Furzgeräusche mit seinen Lippen. Muss doch irgendwie gehen. Bei der Puppe ging’s doch auch. War alles klarer. Ist halt auch die Marine, zackig, alles klar. Bootsmann erteilt Erlaubnis, gehet aus und reanimieret! Jawohl, militärischer Gruß, wegtreten! Fahrt nach Hause, dicker Penner liegt in der Unterführung und rührt sich nicht. Jemand hoppst schon auf ihm rum und ich muss ran, hab ja auch die Erlaubnis. Luft geht jetzt besser rein, braucht halt Übung, wie beim Küssen. Aber der Walfisch fängt einfach nicht an zu blasen. Hat jemand nen Krankenwagen gerufen? Wann kommt der denn? Blasen, Brustkorb hebt sich, geht besser, Typ immer noch blau und kalt. Mir ist kalt, die ganze Unterführung fröstelt, ist halt auch Winter, endlos pusten, immer weiter machen. Immer noch kein Puls, keine Atmung, der ist tot. Ich küsse hier einen Toten, ohne Zunge, ich mach alles falsch, ich mach alles richtig. Weiter! Luft rein, Luft raus. Mein Herz wummert in meinem Kopf. Endlos. Wie lang? FünfMinuten? Zehn Minuten? Weiß nicht. Weiß nichts, nur pusten, kriege bestimmt Pusteln am Maul. Desinfiziert, bei der Fahne? Woher kommt auf einmal der Sanitäter? Kann loslassen, aufhören, ablassen? Kurze Nachfrage, Dank, schnelle Schritte, Gleis 3. Oder war es 5? Da ist der Zug, rein, zittere am ganzen Körper, muss mich setzen. Armer Walfisch, warst schon lange tot, oder?