Integration

Alter Affe

Es ist beschlossen und vorgenommen. Es gibt ein paar wirklich detaillierte Pläne, eine ganze Menge Loseblattsammlungen sowie Notizen auf Pizzalieferservicewerbung und alten Briefumschlägen. Ich habe mir ein altes Laptop mit Linux fit gemacht, habe VIM installiert und ein Skript eingebaut, welches mir in einem schönen, giftgrünen Balken am unteren Ende des Bildschirms, die Anzahl der Wörter im Text anzeigt. Gegen meine sonstige Gewohnheit habe ich mit vielen Leuten darüber gesprochen, habe es allen auf die Nase gebunden und nun steht mir die Umsetzung bevor. Normalerweise würde ich ja um so ein komisches Event einen Riesenbogen machen, aber diesmal fand ich, daß ich alt genug bin. Es fühlt sich jetzt einfach richtig an, sich einmal komplett zum Affen zu machen.

Es geht um folgendes: innerhalb des Monats November soll man einen Roman mit 50000 Wörtern schreiben. Das wären dann 1666 Wörter pro Tag, wenn man 30 Tage zugrunde legt. Angeblich entspricht das ungefähr dem Umfang von ‚Der große Gatsby‘.  Sinn und Zweck ist aber nicht, dass man Böll oder Thomas Mann Konkurrenz macht, sondern daß man einfach einen Text stur und fokusiert runterschreibt, ohne daß einem der interne Kritiker in die Quere kommt. Das ist halt die Stimme im eigenen Kopf, die einem spätestens nach einem Absatz zuraunt, daß der Text sowieso hohl ist, alle das schon mal besser und interessanter gesagt haben als man selbst und man ohnehin besser in der Versenkung verschwinden sollte, damit die Schmach nicht noch größer wird. Ich vermute, jeder, der in irgendeiner Art und Weise kreativ ist und etwas aus eigenen Beweggründen heraus entstehen lässt, kennt diesen Kritiker. Meistens hat er zwar Recht, aber da wir nun einmal in diesem Dasein gestrandet sind und unsere Zeit irgendwie mit Bedeutung füllen wollen, kann man ihm auch mal liebevoll die Lippen zunähen.

Natürlich kommt eine solche Veranstaltung ursprünglich aus dem Land der ehemals unbegrenzten Möglichkeiten, jedenfalls der eingebildeten. Dort läuft das Ganze unter der Abkürzung NaNoWriMo, was soviel heißt wie National Novel Writing Month. Mittlerweile ist sie nicht mehr ganz so national, sondern ein weltweites Phänomen mit Teilnehmern rund um den Globus. In meinem Altersstarrsinn gehe ich allerdings davon aus, daß ein Großteil der anderen Teilnehmer ziemlich jung ist und wahrscheinlich Fantasygeschichten oder Fanfiction schreiben wird. Vielleicht schaffe ich es ja einmal zu einer der Veranstaltungen der deutschen Region, die hier in Hamburg während des NaNoWriMos abgehalten werden, um mich eines Besseren belehren zu lassen oder um als merkwürdiger alter Sack einen Gastauftritt zu haben. Wie dem auch immer sei, ich gehe als aufrechter Narr in den Monat November und freue mich schon auf das wie auch immer geartete Ergebnis.