Veterano

Post-Post-Modern, off-scene, driften entlang der Routen des öffentlichen Personen-Nahverkehrs. Führerschein ist nicht so angesagt hier. Schwarze Lederjacken, Bier in der Hand und Diskussionen, bis aufs Blut und sehr, sehr wichtig. Charakterbildend. Menschen, die bei gefüllten Pfannkuchen (Käse und Hackepeter) meine Malerei kritisieren, andere sprechen sich dafür aus und neben dem Plattenspieler steht eine Platte namens ‚Mother Russia‘. Gern angemacht, aber voll daneben, Techno ist zeitgemäß, Clubs in Abrißhäusern, entkernte Innenräume über vier Etagen, Bombeneinschlag, 50 Jahre her, Speed und Ecstasy, Bombeneinschlag, drei Sekunden her; ein Wunder, daß es bekömmlich ist. Man nimmt sich wirklich wichtig, will der Welt beweisen, daß ganze Kerle die Bühne betreten haben und ich vertrage das Rauchen nicht. Durch und durch und bis auf die Knochen provinziell, wie alle eigentlich, aber der Grad des überzeugenden Schauspiels befindet über den Wert in der Peer-Group. Nutznießer, alle möglichen Vorstellungen im Kopf, meistens bürgerlich-romantisch, absolut unangebracht, aber das große Glück besteht darin, daß ich meine Klappe halten kann. I go places. Selbstdarstellungen, junge Männer die unter schweren Wintermänteln ihre unbehaarte, nackte Brust spazieren tragen. Stehe fassungslos daneben, weil es wirklich ernst gemeint ist, erhalte aber trotzdem gut gemeinte Ratschläge. Prä-Populär-Internet (IRC-chat Terminals stehen in Clubs und beleuchten mit bernsteinfarbenen Displays Verbindungsgänge). Ost-Wind. Absurd kalte Winter, meine Haare raspelkurz, ohne Aufsatz, mit der Maschine. Klub Rehbraune Zündkerze. Enrico. Blaue Müllsäcke voll Gras, irgendwo in Polen gezogen, Zitronella, Heinz-Rühmann Schrein, Filmriß. Daß ich keine Ziele habe, weiß ich noch nicht, bewege mich aber so durch die Stadt. Betrachten, aufnehmen und, vor allem, Angst haben, was unerhört ist, denn alle haben hier einen Plan oder ein Projekt oder reden es sich ein. Staubige Sommer, die Herzlichkeit der Ureinwohner lässt zu wünschen übrig. Ich will keine Revolution, nur geliebt werden, vergucke mich in Frauen mit Fünf-Jahres-Plan; eigne mich nicht als Brandbeschleuniger und verbleibe von daher eher gemocht als gefickt. Verstehe die Welt nicht und wähne alles kompliziert. Suche Freundschaft, erlebe Karriere. Dieses Tempo ist nicht gangbar. Einige überleben das hier nicht, andere ziehen nach Bielefeld und diejenigen, die wirklich Pech haben, bekommen ihre Wünsche erfüllt. New York, Paris, Los Angeles. Aus der Ferne wünsche ich alles Beste, eingangs noch mit der Vorstellung irgendwie Bestandteil zu bleiben, dann aber im Bewußtsein meiner Inkompatibilität. Es bleibt noch der Wunsch nach einem gemeinsamen Kakao, wahrscheinlich realisiert erst zum Leichenschmaus von den Übriggebliebenen. Im Werkzeugkasten der Satz Schlüssel für die alte Wohnung zusammen mit der Steuermarke des Hundes, den ich nachts auf dem Friedhof begraben habe. 

Interview #2 – Martin – Teil 6