Bücherbesprechung ‚The nigga sucked big time‘

Bücherbesprechung #1

The nigga sucked big time
von Alec Lockton

Alec Lockton dürfte vor allem aufmerksamen Serienguckern ein Begriff sein, ist er doch in erster Linie Drehbuchschreiber für einige beliebte und erfolgreiche Formate, wie ‚Guesthouse‘ und ‚Incidental Presidental‘, welche bei den großen Streamingportalen viele Fans gefunden haben.
In seinem Romandebut zeigt er von sich eine ganz andere, ernste Facette. Das Buch handelt von der schwierigen Jugend eines Mädchens in South Central Los Angeles, zwischen Drogen und Gangterror, aber auch von den Träumen und Illusionen, die genau die Industrie produziert, die Lockton normalerweise bedient. Clarisse, so der Name der Protagonistin, erlebt den alltäglichen Schrecken und die Hoffnungslosigkeit und beschreibt dies in einer lakonischen, von Zeit zu Zeit gefühlvollen Sprache, so daß man bei dieser Ich-Erzählerin komplett vergisst, daß ein männlicher Autor dahinter steckt. Sie rettet sich, indem sie in eine Welt der Telenovelas und Castingshows abtaucht, unter deren Einfluß sie mehr und mehr den Kontakt mit der Realität verliert. Immer öfter vermischen sich die Ebenen und man hat den Eindruck, daß es für sie kein gutes Ende nehmen kann. Doch eines Abends ereignet sich eine Schießerei vor ihrer Haustüre, in derem Zuge sie einen angeschossenen jungen Mann rettet, indem sie ihn bei sich aufnimmt. ‚FastZ‘, wie er sich nennt, hat gewaltige Probleme: zum einen hat eine Gang ein hohes Kopfgeld auf ihn ausgesetzt, zum anderen hadert er mit seiner Entscheidung, Priester werden zu wollen. Und dann verliebt er sich auch noch in seine Retterin.
Natürlich könnte die Handlung auch aus einer seiner Serien entsprungen sein und trotz der sehr realistischen Schilderungen (von den Farben und Mustern der aus den Hosen hängenden Taschentücher, bis hin zu den detaillierten Beschreibungen der Waffen und Drogen), hat man das ein oder andere Mal das Gefühl, das einfach zu oft die Lösung um die Ecke spaziert kommt, wenn Clarisse und FastZ sie dringend brauchen. Beschäftigt man sich aber ein wenig mit der Vita von Lockton, dann erfährt man, daß er vor seiner Karriere als Autor, Sozialarbeiter in einem der berüchtigsten Viertel der kalifornischen Millionenmetropole war. Die Probleme der afro-amerikanischen Bewohnern sind ihm aus erster Hand bekannt. Herausgekommen ist also eine Millieustudie, die ein wenig an Romeo und Julia erinnert, aber gleichzeitig auch eine beissende Kritik an der Unterhaltungsindustrie ist. Spannend und oftmals auch voll bitterem Humor ist Lockton eine gute Geschichte gelungen, die uns erahnen lässt, unter welchen Bedingungen Menschen leben müssen, während wir beim Inder bestellen und den Weißwein kaltstellen. Bleibt ihm nur zu wünschen, daß seine Arbeitgeber sie nicht zu lesen bekommen und er weiterschreiben kann.

Tacheles Verlag, Berlin
19,80€

Familiäres Umfeld