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Ihr sucht nach Sicherheit und Sicherheiten, aber soetwas gibt es nicht. Alles was wir in unseren Gesellschaften aufbauen sind Versprechungen auf Sicherheit und letztlich das trügerische Gefühl, sie erreicht zu haben: Versicherungen, Diplome, Versprechen von Institutionen und Berufsständen oder den Regierungen, daß alles in geordneten Bahnen verläuft, daß man geliebt werden kann und daß Verletzung, körperliche Gewalt und schließlich der Tod zwar nicht gänzlich ausgeschlossen, aber doch weitgehend steuerbar geworden sind. Eine Störung dieser brüllenden, schreienden, klirrenden Ruhe, ist entweder fehlendem Können, Wissen oder abweichendem Verhalten geschuldet (zu dem auch die Gier gehört, die wir an anderer Stelle bewusst befeuern) und bestätigt eigentlich nur die Regel; aber jeder, der schon einmal einen Kindergeburtstag veranstaltet hat, weiß, daß nicht alles zu kontrollieren ist und daß durchaus Zähne ausgeschlagen, Teppiche vollgekotzt und Gefühle verletzt werden.

Hier gibt’s nur das geistige, bedingungs- und gnadenlose Grundeinkommem: Wir befinden uns in einem Zustand des Nicht-Wissens und unsere Angst ist die Angst vor dem Monster im dunklen Keller, das uns als Kinder pfeiffend gemacht hat. Und durch die Angst vor dieser Angst, verleihen wir anderen Menschen Macht über etwas, daß uns das Liebste ist, das aber nicht existiert: unsere Person.
Und deswegen werdet ihr hier weder Bestätigung, noch Bedeutung, noch Heilung oder Therapie, noch Trost finden, sondern nur die Möglichkeit zu erfahren, was ihr seid.

Ein Incentive

Erst wenn du weißt, daß du ein Sklave bist, kannst du frei sein, sage ich.

Wehre nicht ab, schüttel nicht den Kopf, die Huftas oder alles was du hast: jeden Morgen ein Verbraucher. Die Dinge verbrauchen sich unter deinen Händen, sie verlieren an Substanz, werden fadenscheinig oder transformieren sich in Kot, Abwärme, Atemluft, Lebenszeit. Kleine Wölkchen am Bahnsteig, eng an eng der Stoßstangentanz – zusammen mit allen anderen, die kein Land besitzen und auch nicht wüßten, was sie damit anstellen sollten.

Du sollst verbrauchen. Immer wieder neu, immer mehr als gestern. Ansonsten machst du dich schuldig an deinem Nebenmann und nehmen wir es genau, auch an deiner Nebenfrau, denn wie sollen die konsumieren ohne dein Zutun?

Aber es ergibt Sinn, rufst du, die Kinder, das Haus, die Wärme; jemand muß es ja tun, unter der Brücke liegend zu fermentieren droht! Also in die Hände und auf den Penner gespuckt und sich beugen, tief hinab (aber Prostitution ist lästerlich, jaja!), den Gewinn erbringen, der irgendwo in der Ferne von deiner Organisationseinheit erwartet wird.

Immerhin darfst du noch mitspielen. Freie Zeit, sehr wenig, Haus und Hof, Verpflichtung, Fressen, Ficken und vor allem: Ablenkung. Ablenkung von dem kümmerlichen Dasein, daß du mit zu heiß aufgeblasenen Attributen versiehst: Vater, Mutter, Kind, Nation, Glaube, Zukunft, Hoffnung, der Kessel voll Gold am Ende des Regenbogens – Bedeutung. Darüber gießt du viel Alkohol – viel hilft viel. Danach wieder in das Rad, das Kreuz aufnehmen, Stein den Berg hochrollen, der Adler, die Leber; angeschwollen und fett vom Geselligsein.

In den Gesichtern der Anderen kannst du lesen, wie es um dich bestellt ist – morgens um 08:00 im Berufsverkehr. Es ist nur ein kleiner Schritt des Mutes, um es sich einzugestehen. Die ganz lange Leine, der subtile Druck, das kleine Glück. Onkel Toms Reihenhaushälfte. Jump they say.

Dann liegt dein Ich zermalmt auf dem Boden. Du warst doch immer gemeint, wie konnte das passieren? Jetzt bist du frei, denn du bist tot. Du kannst aufstehen und ungeniert dein Totenleben leben, dich nicht mehr scheren, deinen Preis aufrufen, der kleinen Illusion folgen, rückstandslos verbrennen und dem Sinn ein Schnippchen schlagen. Womöglich läuft alles weiter wie bisher, auch gut. Oder du machst es anders – nicht, um es allen zu zeigen, sondern weil du dann besser aus dem Bett kommst.

Verweigerung

Der kindliche Affe schlägt voller Vergnügen auf die Tastatur ein und die Worte purzeln auf den Bildschirm, der Cursor rennt um sein Leben, kontinuierliches Speichern als Bedeutungssimulator; rote Kringel verraten das Wirken der Rechtschreibkorrektur, bisweilen mit Hang zur unverlangten Kreativität. Alles mit Netz und doppeltem Boden, denn es entstehen selbsttätig dezentrale Sicherheitskopien in Rechenzentren hinter den sieben Bergen. Jedoch, es gibt nichts zu berichten, die Inhalte sind leer, auch wenn die Sehnsucht der der Seefrauen gleicht, die jeden Tag aufs Meer hinausschauen und auf die Rückkehr der Seemänner hoffen, Kerzen in der Kirche aufstellend. Heilige Jungfrau, bitte für uns! Dank Zehn-Finger Tastschreiben können ihre Gedanken schneller in die Software eingebracht werden, der Befindlichkeitsfilter bewahrt vor langweiligen Krankenakten – kein Krebs, keine Depression, bitte gehen Sie weiter, das hier ist für Fortgeschrittene. „Das Altern ist nichts für Feiglinge.“, äußern freundliche Senioren in beiger Einheitskluft ohne Rücksicht. Bewegungen im Unreinraum; die Knochen gleiten aus Händen und Handlungsempfehlungen werden aus ihnen herausgelesen, die willentlich nicht befolgt werden oder die jenseits der Möglichkeiten, bei den sieben Zwergen, liegen. Aber Wiederholung erzeugt Sicherheit, der Rosenkranz funktioniert prächtig und bald sorge auch ich mich um die Rente. Was bleibt? Vielleicht der Dienst, das getreue Arbeiten jenseits des Rechthabens?

Pull the trigger

Ich habe social-media durchgespielt.
Die Konditionierung ist deutlich. Wenn das Stückchen Zucker kommen soll, muss der Knopf gedrückt werden. Ich verbringe viel Zeit mit dem Drücken der Knöpfe, du auch, er, sie, es, wir, ihr, Sie. Direkt nach dem Aufwachen, vor dem Einschlafen, nach dem Essen, vor dem Essen, gefickt, Bild gemacht, Herzchen verschickt, Profilbild erneuert, bin durch damit, so durch. Je mehr in den Innereien der virtuellen Schaltkästen gerührt und geschüttelt wird, desto ferner das Grunzen der Bedeutungslosigkeit. Darüber eine Umfrage machen, das geht jetzt bei twitter, aber nur beim offiziellen Client, meiner hat das nicht, dafür bekomme ich aber auch keine Werbung angezeigt und kann mir die Farben und die Schriftgrößen und die Inline-Bilder genau so einstellen, wie es mir die UI möglich macht, Dark-Theme, Black-Theme, Hauptfarbe, bei mir Orange, Links gehen zum externen Browser, mittlerweile Opera, warum? weiß nicht so genau, er ist zur Zeit irgendwie praktischer, aber auch hier habe ich schon eine Grenze erreicht, musste den Cache löschen, damit es wieder flüssiger wurde, zuviele temporäre Daten, Javascript-Strukturen, überhaupt ist heute alles im Web Javascript. Pawlow, Hund, Fütterung, Glocke, ich will nicht unbedeutend sein, irgendwer muss mich wahrnehmen, wenn ich irgendeinen passenden Spruch absetze, einen Joke, eine wilde These, Informatives, Erniedrigendes, Porno, Cat-content, rechte Scheiße, linke Scheiße, Hass und vor allem Hass, Hass und Angst, die man aber immer mit dem Hass zudeckt, weil Angst so uncool ist. Ok, manche therapieren sich selbst, Probleme, zeigen, Triggerwarnungen, Safe-spaces, Feminazi, Maskus, CIS-Person, Person of color, Tierbilder. Einrichtung xy digitalisiert jeden Tag 103 Tera-Byte und deswegen nur 103 Tera-Byte, weil deren Infrastruktur nicht mehr zulässt, die Netze zu langsam sind und die Scanner-Einheiten einfach nicht mehr reinschaufeln können. Wer braucht diesen ganzen Scheiß eigentlich? Panisch wird jeder Fetzen Klopapier irgendwie verewigt, jede Variante irgendeiner dämlichen Landkarte oder einer Notiz, die irgendwer mal wichtig fand sie in ein Archiv zu packen, damit die Menschheit im Falle eines Falles darauf zurückgreifen kann. Was natürlich nichts am Weltgeschehen ändert. Wie besoffen von den Möglichkeiten. Überall blinkt und leuchtet es, Produktdesigner sorgen dafür, dass es immer der jeweiligen Mode angepasst cool und mysteriös blinkt und leuchtet und wir Affen haben nichts eiligeres zu tun, als dem Herdentrieb zu folgen und unsere Kohle, die wir mit der Monetarisierung des Schwachsinns verdienen, umzuwandeln. Transformation, echtes Kauferlebnis, Kribbeln bei der Übergabe, jetzt gehöre ich dazu, jetzt mache ich mit, bin auch einer, der den Drei-Finger-Swipe einüben kann, damit ich meine Produktivität steigere, mehr Zeit habe für die wichtigen Dinge im Leben, von denen ich aber leider keine Ahnung habe, denn ich bin ja komplett mit der Geldbeschaffung für das neue Gadget beschäftigt, Miete, Haus, Auto, Kredit, Kinder, Einkäufe, womöglich Mode, Alkohol, damit ich das auch alles noch aushalte. Du aber auch und er, sie, es, wir, ihr, Sie. Das Leben rast vorbei, wenn du Glück hast ist der Anfang noch witzig, du bist hilflos und wirst nicht direkt mißbraucht, lebst nicht in Bangladesch auf einer Müllhalde oder wirst umgebracht, weil du weiblich bist. Also Glück, man sorgt sich, man kümmert sich, bis du auf die Welt losgelassen werden kannst, volljährig, geschlechtsreif, wahlberechtigt. Dann bist du im Wettbewerb, wenn du nicht richtig performst, dann bleibt für dich am Ende deiner Tage doch nur sowas wie die Gosse, Drogen, Niedergang, also los! Wenn du Glück hast, vielleicht andere Menschen, verwirrt wie du, gemeinsames raten, fragen, rätseln, in der Mittagspause oder abends, wenn der Pegel stimmt. Und dann Gedanken, Erkenntnis, jedenfalls kommt es einem so vor, man hat vielleicht davon gelesen, irgendwer muss doch als Vorbild dienen können, muss klug sein und schon mal so einen Gedanken gehabt haben, vielleicht auf einem Stück Klopapier, das irgendwann mal eingescannt wurde und dann gibt es Erkennen, Suche nach Bestätigung, Filterbubble, Freunde in den unendlichen Weiten der Weltnetze. Dann werden Follower gesammelt, du denkst, das sind wirklich Menschen irgendwo, irgendwie, er, sie, es denkt das auch, Sie vielleicht nicht, aber Sie verdienen daran, aber das ist nicht das Problem, es ist auf einmal, als könntest du was bewegen, deine Meinung, dein Input, Veränderung, aber dann ändern sie das Programm, Timeline, alles anders, weil irgendwer daran noch mehr verdienen muß und dann geht es doch wieder nur um Werbung, Verkauf, stinkende Fabriken in Sonderwirtschaftszonen, das Tool ist nicht mehr cool, man verliert sich, wird geblockt, neues Tool, alles von vorne, aber nichts hilft wirklich, nur die UI sieht anders aus. Man verteilt Brote statt Herzen, die eigenlich mal Sterne waren und du bist am Arsch, weil du, weil er, weil sie, weil es, weil wir, ihr, Sie merken, daß es nicht wichtig ist, war, sein wird. Dinge werden passieren, es reagiert, bis es nicht mehr reagieren kann. Dann wirst du vielleicht so ruhig, wie noch nie vorher in deinem Leben. Und draußen hupt jemand, der nicht schnell genug weiter kommt.

Handabhacken altbacken

Da sitze ich jetzt wieder vor dem Leuchtschirm und ergehe mich in meiner Lieblingsluxusbetrachtung: meiner Wichtigkeit. Es ist warm und trocken, das Internetstreaming dudelt mir anspruchsvollen Jazz um die Ohren, ein Geheimtipp irgendeines Festivals, alles öde, nur der nicht, während ich vor mich hin schreibe kann ich mir Süßes, Salziges, Fettiges in den Mund schieben, mein Bankkonto lässt mir die freie Wahl zu, das Fett an meinen Hüften hält sich in Grenzen, ich bin nicht sichtbar adipös. Die Zeichen stehen scheinbar auf Sturm, überall begehren die Menschen auf und greifen zu Waffen, wollen wieder die einfachen Lösungen, glauben um zu wissen und das, was nicht passt wird begradigt, beschnitten, beerdigt. Ich sende meinen digitalen, personalisierten Rundfunk aus, verfüge über eine eigene Litfaßsäule, morse Zehn-Finger-bestärkt hinaus in die Stille, während wie immer geboren und gestorben wird, Macht ausgeübt und Kontrolle eingeführt wird. Jeder Move mit Bedacht gewählt, Bedeutung leuchtet uns allen aus dem Arsch und oft, viel zu oft denken wir, daß wir davon zu wenig oder nur am falschen Fleck besitzen. Dann wird der Generator angeschmissen, voller Vorfreude rühren wir in den Buchstabensuppen oder feuern Instagramme in die Netzwerke, Bilderstürme, verzweifelte Ton-Collagen, Soundobjekte in ihrem natürlichen Habitat schreien „Seht mich, hört mich, ich bin wichtig, ich bin nicht sinnlos, ich hinterlasse Spuren!“, in jeder Sekunde reiben sich dann hektische Leiber aneinander, schwitzen, stoßen, stöhnen, schieben ihre Sucht nach Bedeutung in Körperöffnungen, nur der Kick dauert nicht lange genug an, es muss besser gehen, es muss geiler werden, höher und schneller. Und wenn es der Mitmensch nicht richtet, dann eben das Vieh, das sich nicht dagegen aussprechen kann und dessen Regungen umgedeutet werden. Was soll bloß aus ihm werden, wenn ich nicht mehr bin? Unausdenkbar, aber doch die Realität im Andenstaat und an der Côte d’azur, im Rinnstein von Kolkatta und unter den seidenen Betttüchern von Boston. Dann werde ich ruhig und greife zum Rotwein, der in Wirklichkeit nur Gänsewein ist und entkapsele den Zeichenstift, rieche an seinem Aroma und vollführe, während ich mich einiger Tweets erwehre, flinke Bewegungen auf unschuldigem Papier. Vielleicht bist du für irgendjemanden da draußen das Wichtigste auf der Welt,  im besten Falle seid ihr nett zueinander und haltet Händchen, bis der Tod den einen ereilt. Auf dem Weg dahin schuldige Schokolade.