Der Vergesser

Nach dem Aufstehen ging er in die Küche und machte sich sein Frühstück. Kaffee und Toast mit Butter und Marmelade. Dann setzte er sich an den kleinen Tisch am Fenster und beobachtete die Wolken beim Vorrüberziehen, die Menschen ein paar Stockwerke weiter unten, die schnellen Schrittes zu ihren Zielen eilten oder er schaute hoch zu den Vögeln, wenn sie zum oder vom Baum gegenüber flogen. Sehr kleine Vögel mit unglaublich dürren Beinen, noch dünner als Zahnstocher. Irgendwann nach der Dusche, dem Zähneputzen und dem Ankleiden, wurde es Zeit zur Arbeit zu gehen. Da er nicht vermögend war, mußte er arbeiten. Seine Eltern waren weder arm noch reich, er war weder arm noch reich und seine Kinder wären ebenfalls weder arm noch reich, würde es sie geben. Es gab jedoch keinerlei Veranlassung dazu. Seine berufliche Tätigkeit ernährte ihn und er machte nichts, was ihm unmoralisch vorgekommen wäre; also nichts mit Waffen, Politik oder Werbung. Er genoß seine Mittagspause alleine, war freundlich und hilfsbereit und er verabscheute seine Mitmenschen. Still fuhr er abends in der S-Bahn nach Hause, schaute aus dem Fenster und dachte an nichts. Daheim angekommen, schloß er sich in die Wohnung ein, machte es sich bequem, aß eine Kleinigkeit und ging schließlich wieder zu Bett, in welchem er noch ein paar Zeilen aus einem Buch oder einem Artikel las. Noch einen Schluck Wasser, dann schlief er ein. Meistens träumte er dann nichts oder er konnte sich nicht erinnern und wenn er etwas träumte, dann erinnerte er sich, daß es absolut nichts zu bedeuten hatte.
Tagsüber hatte er oftmals ein Gefühl, daß ihm den Eindruck vermittelte, daß es nicht ausreichend ist, sein Leben einfach nur so in Empfang zu nehmen und runterzuleben. Da war dieser Drang etwas zu schaffen, sich zu äußern, Dingen seinen Stempel aufzudrücken, also sich einer Tätigkeit zu widmen, die man als kreativ bezeichnen könnte und das obwohl er keinerlei Beziehung zu diesem Tun hatte. Seine Eltern waren weder Musiker, noch Schauspieler, in seinem Umfeld gab es keine Autoren oder Maler. Da gab es nur die dummen Arbeitskollegen, mit denen man sich, Gott sei Dank, nur fachlich auseinandersetzen mußte und die Vögel im Baum gegenüber. Er wußte, daß nichts aus seinem Leben überlieferungswürdig war oder das es keinen Mangel an ausgedachten Geschichten gab, aber er begann, Texte aufzuschreiben. Streng betrachtet war es nur ein Anfüllen der Zeit mit einer sinnlosen Tätigkeit. Es war nicht dazu bestimmt von anderen gelesen zu werden. Und selbst wenn es ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes lesen würde, nachdem man die mumifizierte Leiche des Autors drei Jahre nach seinem Ableben gefunden hätte, wären die Inhalte belanglos und deren Trägermedien direkt in einen blauen Plastikmüllsack gewandert. Alles war nur einer Illusion geschuldet, die er von seinem Wesen als Person hatte, von seiner Vorstellung, daß genau diese Ausprägung von Atomen, die seinen Namen hatte und die ab und an Post vom Finanzamt bekam, irgendwie deutlich machen müßte, daß sie irgendwann einmal existierte und Post vom Finanzamt bekam. Nicht aus dem Bedürfnis heraus berühmt zu werden oder gar Geld damit zu verdienen, sondern lediglich, um für einen kurzen Moment die Leere zu vergessen. Dennoch: Die Buchstaben, Leerzeichen und Satzzeichen versuchten eine Ordnung zu erzeugen. Ihre Präsenz auf dem Papier sagten aus, daß es ein Oben und ein Unten gäbe, ein Schwarz und ein Weiß, einen definierten Raum und das man sich darin bewegen könnte, als wäre es ein vertrauter Ort. Manchmal sprach er die Texte laut, die Rezitation ließ Dinge und ihre Beziehung zueinander entstehen und von Zeit zu Zeit hielt er inne und wunderte sich ob der Schönheit, die entstanden war, einfach so, nahezu ohne sein Zutun. Aber wie alle Schönheit, war auch diese nur ein Trugbild, eine Sinnestäuschung; sobald die Worte verklungen, aufgebraucht waren, verschwand sie. Manchmal machte er dann das Fenster auf, ließ die kalte, reale Luft seiner Heimat hinein, faltete aus seinem Text einen Papierflieger und ließ ihn zusammen mit den kleinen Vögeln fliegen, unter ihm die geschäftigen Passanten.

Podophilie

„Und deshalb müssen wir uns von Ihnen mit sofortiger Wirkung trennen.“, sagte der Mann mit dem weißen Hemd und mit der schönen, fein gemusterten Krawatte, die bestimmt sehr teuer gewesen war. „Aber sie wissen doch, daß das nur mit meiner Krankheit zusammenhängt.“, versuchte er zu erklären, aber der sorgsam gekleidete Mensch gegenüber machte nur eine abwehrende Handbewegung. „Herr Müller, es geht einfach nicht, daß sie unten ohne bei unseren Kunden oder Geschäftspartnern auftauchen. Das entspricht nicht unseren Firmenrichtlinien. Wir haben in der Vergangenheit mit ihnen Gespräche geführt, wir haben ihnen erläutert, welche Konsequenzen ihr Verhalten haben wird und nun treten eben diese Konsequenzen ein. Die Geschäftsleitung stellt sie frei, bis sie eine neue Tätigkeit gefunden haben. Wir gehen davon aus, daß das nicht länger als 3 Monate dauern wird. Guten Tag.“ und wies mit dem Finger auf die Türe, während er sich schon wieder einem Dokument auf dem Schreibtisch widmete. Herr Müller wurde vom Sicherheitsdienst in Empfang genommen und durfte noch seinen Schreibtisch ausräumen. Er hatte noch nicht einmal Zeit sich von seinen Kollegen zu verabschieden; nicht das er darauf sonderlich erpicht gewesen wäre, aber diese Behandlung kam ihm jetzt auch ein wenig herzlos vor. Immerhin hatte er nicht in die Kasse gegriffen oder den Chef verprügelt, wobei letzteres sicher jetzt ein klein wenig über seine miese Stimmung hinweggeholfen hätte. Das Taxi, das die Firma freundlicherweise bestellt und bezahlt hat, wartete schon draußen auf ihn. „Wohin soll es gehen?“, fragte der Fahrer, der nach seiner Kopfbedeckung zu urteilen Sikh war. Der frisch Ausgestoßene nannte seine Adresse und verfrachtete die Habseligkeiten neben sich auf die Rückbank. Sechs Jahre waren mit einem Streich beendet und davon vollkommen unbeeindruckt fuhr der Kutscher los.

Am nächsten Morgen begann Herr Müller direkt mit der Suche nach einer neuen Stelle. Er schrieb Bewerbungen, durchsuchte gezielt die Anzeigen in der Zeitung und aktivierte seine Job-Bots, kurz, er war voller Tatendrang und Zuversicht. Gegen Mittag gönnte er sich eine kurze Pause und ging zu dem thailändischen Imbiss, der diese leckere, scharfe Kokosmilchsuppe anbot. Sie lag in direkter Nachbarschaft und ein kleiner Spaziergang würde ihm gut tun. Wie schon in den vergangenen Jahren ignorierte er die mehr oder minder stierenden Blicke, die auf seine unteren Extremitäten zielten. Er war die Irritation bei Fremden gewohnt und die Menschen aus seinem Viertel, die ihn kannten, machten sich schon lange nichts mehr daraus. Endlich am Imbiss angekommen, stellte er sich brav in die Schlange, die der Beliebtheit und dem köstlichen Essen geschuldet war und fing an in seinem Smartphone zu lesen, bis ihn eine schrille Stimme und die Spitze eines Regenschirmes wieder in die Realität zurückholten. „Junger Mann! Sind sie unverschuldet in Not geraten? Dann gebe ich ihnen Geld für ein Essen hier. Aber wenn sie ein Säufer sind, dann…“ „Wieso in Not geraten?“, unterbrach er die Dame, die mit Sicherheit schon Mitte achtzig war und ihn irritiert von oben bis unten ansah, während sie mit ihrem Regenschirm an seine Waden tippste. „Na, sie sind mir ja einer – sie können sich ja noch nicht mal Schuhe leisten!“, dachte die Oma laut. „Hell Müllel immel balfuß, gut fül de Kopf!“, gab der Inhaber über den Tresen zu verstehen und die Oma schaute noch irritierter. In Anbetracht der bevorstehenden wohlschmeckenden Suppe und seiner guten Laune, hob Herr Müller an und erklärte sich: „Nein, ich könnte mir schon Schuhe leisten, aber wenn ich barfuß gehe, dann verschwinden meine Kopfschmerzen. Sie müssen wissen, ich hatte nach einem Unfall sehr, sehr starke chronische Kopfschmerzen und dann habe ich zufälligerweise herausgefunden, daß sie verschwinden, wenn ich barfuß laufe. Am besten über Waschbetonplatten, aber die gibt es ja mittlerweile nicht mehr so oft.“ Nach einer Weile äußerte sich die ehemalige Flakhelferin: „Das finde ich gut, wir haben damals auch nicht wegen jeder Kleinigkeit Tabletten genommen. Außerdem härtet das ab.“, sprachs und nahm ihre Bratnudeln entgegen.

Doch die Zeit verging schnell und Herr Müller, der mit Vornamen Jochen hieß, war nicht mehr voller Tatendrang und gut gelaunt auch nicht mehr. Es stapelten sich die Absagen in seinem Emailpostfach und bei allen Vorstellungsgesprächen, zu denen er eingeladen worden war, kamen die Personaler sofort auf seine nackten Füße zu sprechen, die zwar pedikürt und wohlduftend waren, aber eben nicht in Socken und Schuhen steckten und so unmittelbar und sofort zu einem Ausschlußkriterium wurden. Die Zeit wurde knapp und die Rechnungen wollten bezahlt werden und ab und an eine Suppe beim Thailänder wäre doch auch schön, für Herrn Müller und den Thailänder. Also suchte Jochen nun auch schon jenseits seines gelernten Berufes, auch in den Printausgaben der Zeitungen, den kostenlosen, werbefinanzierten Anzeigenblättchen und den schwarzen Brettern der Supermärkte. Doch auch dort wollte man keine Küchenhilfe oder Reinigungskraft ohne Fußbekleidung. Selbst als Kollege des turbantragenden Sikh wollte man ihn nicht haben und verwies auf Sicherheitsbestimmungen im Personenbeförderungsgewerbe. Vielleicht hätte er behaupten sollen, daß seine Schuhlosigkeit seiner Religion geschuldet waren und er folglich nicht diskriminiert werden dürfe. Aber auf diesen Gedanken kam der ehrliche Jochen nicht.

Dann, eines Abends, entdeckte er eine Kleinanzeige, die folgendermaßen formuliert war: Auf der Suche nach einem geregelten Einkommen? Haben sie große und gepflegte Füße? Dann melden sie sich in der Kellermannstr. 46, im Souterrain, ab 20 Uhr. Leichte Arbeit und nette Kollegen. Jochen war schon zu frustriert, um noch irgendetwas wirklich Gutes zu erwarten und machte sich eher widerwillig auf den Weg. Die Kellermannstraße lag in der Vergnügungsmeile der Stadt, Clubs, Kneipen und rotbeleuchtete Fenster, Betrunkene, Jungesellen- und Gesellinenabschiede, torkelnde Touristen, kurzum, genau die Art von Unterhaltung, die Herr Müller am wenigsten leiden konnte und von daher hat er schon immer einen großen Bogen um den Stadtteil gemacht. Zu seiner Überraschung war die Hausnummer 46 von außen eher unscheinbar und die Türe am Ende der kleinen Treppe wäre leicht zu übersehen gewesen.

Er wurde von einer rundlichen Dame mittleren Alters empfangen, die aufsehen musste, um mit ihm zu reden. „Ich sehe, sie haben selber eine Vorliebe für nackte Füße.“ und deutete hinab. „Das ist rein medizinisch.“, murmelte Herr Müller, während er durch Analyse der Gesprächspartnerin und der Einrichtung nähere Hinweise auf den Job zu bekommen versuchte. „Ich sage es frei heraus: die Damen, die hierhin kommen, werden durch nackte Füße sexuell stimuliert. Und meistens ausschließlich durch Füße. Wir offerieren ‚Fußzeit‘ und suchen dafür Menschen, die gegen Geld zeitweise ihre Füße zur Verfügung stellen.“ „Eine Fuß-Hure!“, platzte es aus Jochen Müller heraus und er bat sofort um Entschuldigung. „Kein Problem, es klingt anfangs ein wenig merkwürdig, aber das legt sich. Ich zeige ihnen mal ihren potentiellen Arbeitsplatz und wie alles funktioniert und dann können sie sich entscheiden. Geile Füße habe sie auf jeden Fall.“ Herr Müller errötete ein bißchen und trottete hinter der kleinen Frau hinterher, die Räumlichkeiten waren nicht allzu groß, aber alles war dezent und geschmackvoll eingerichtet. Kein Rotlicht und keine Fototapeten mit kitschigen Stränden oder Spiegel an der Decke. Es gab vier Zimmer und in jedem Zimmer standen sich zwei Sessel gegenüber in der Mitte ein Fußbänkchen. Hinter einem Paravent ein Handwaschbecken und diverse Cremes und Öle. Das wars. „Sie treffen sich mit den Damen in dem Zimmer und tragen dabei eine Maske. Sie müssen nichts sagen oder von sich preisgeben, wenn sie nicht möchten“.

Alles ging mit größter Diskretion von statten, Jochen hieß nicht mehr Jochen und während seiner Sitzungen sagte er nie ein Wort. Das Geld war zwar nicht üppig, aber es kam regelmäßig und Pia, die Betreiberin des Fußfreundinnen-Clubs, war eine korrekte und warmherzige Arbeitgeberin. Ab und an steckten einige Kundinnen ihm nach einer Sitzung noch einen Schein zu, gewissermaßen ein Trinkgeld und nach einer Weile kam ihm nichts an seiner Tätigkeit mehr merkwürdig oder anrüchig vor. Im Gegenteil, er wunderte sich, daß die Frauen ihrer Neigung im Verborgenen nachgehen mussten. Aber aufgrund der Kleidung und Ausdrucksweise der Kundinnen hatten sie scheinbar auch was zu verlieren. Eines Tages hatte er eine Sitzung mit einer Stammkundin und nach dem Vorspiel, das aus ein bisschen Lecken und Saugen bestand, wobei er sich sehr zusammennehmen musste um nicht zu lachen, holte sie aus einer Tasche ein paar Lederschuhe und Seidenstrümpfe hervor und begann sie ihm anzuziehen. Jochen Müller wußte nicht so recht, ob er intervenieren sollte, seinen speziellen Fall erläutern, aber er hätte mit Sicherheit die erotische Atmosphäre zerstört und das wollte er der schwer atmenden Frau nicht antun. Also ließ er es geschehen und so kam es, dass er nach der vereinbarten Zeit, nachdem die Kundin ihm einen Schein in einem Kuvert hinterließ und gegangen war, im Sessel saß und italienische Maßschuhe (sie mußte beim Lecken Maß genommen haben) und spanische Seidenstrümpfe an seinen Füßen trug. Vorsichtig stand er auf und ging ein paar Schritte durch den Raum und – nichts. Keine Kopfschmerzen. Er ging schneller und hüpfte ein wenig auf der Stelle, ging in die Knie und auf die Zehenspitzen, aber das alte, schädelsprengende Gefühl blieb aus. Er beendete seine Schicht und ging nun das erste Mal seit Jahren mit Schuhwerk die Straßen bis zur U-Bahn Haltestelle, lief auf dem Bahnsteig auf und ab, stand in der Bahn auf den Fersen und ahmte bis zu seiner Haustüre John Cleese und the ministry of silly walking nach.

Einen Monat später hatte er wieder einen Job in seinem alten Beruf und er verkaufte wieder Versicherungen.

Unbemerkt

Unsere missgebildeten Brüder und Schwestern kamen in den dunklen Keller, unsere Eltern schlossen sie direkt nach der Geburt dort ein, permanent ihre Liebe beteuernd. „Genauso, wie wir emporsteigen, werdet auch ihr bald den Keller verlassen können und eure Kleider werden prächtiger werden!“, flüsterten sie. Und das Haus wurde größer und höher, bekam mehr Stockwerke und wir wandelten frei zwischen ihnen hin und her.
Nur, der Keller blieb verschlossen. Immer wieder riefen die Kinder nach ihren Eltern und diese sangen liebliche Melodien zu ihnen hinunter, während sie die Stabilität der Türe prüften und ihren Müll und Unrat von Dienern in den Keller hineinkippen ließen. Während wir in die hohen, weißen Türme zogen, deren Türknäufe aus Gold und die Kopfkissen der seidenen Betten mit Einhornhaar gefüllt waren, lebten die Diener und Zofen immer ein paar Etagen unter uns.
Und noch immer schrien meine Geschwister aus dem Keller zu uns hinauf, in Kot und Unflat stehend, immer noch voller Hoffnung in unsere Eltern, die mittlerweile Gewänder aus Blüten trugen, während wir in Licht badeten. Bald aber überkam die Kellerkinder große Traurigkeit und sie ahnten, daß sie niemals aufsteigen und die Liebe ihrer Eltern und Geschwister erfahren würden. Deshalb steckten sie ihre kleinen, mageren Finger in das Schloß der Kellertüre und drehten solange bis das Fleisch in Fetzen hing, Bäche von Blut und Tränen den Mechanismus zersetzten und Knochensplitter die Riegel und Zapfen im Inneren auseinanderdrückten, so daß die Türe aufsprang. Es schrien die Sklaven und Diener, daß die Flut der ungeliebten Kinder über sie hereinbräche und Krankheit, Verbrechen und Tod ihre Begleiter seien. Sie verloren ihren Verstand und stürzten sich in ihre Schwerter, obwohl die Elenden ohne sie zu beachten aus dem Haus krochen, um die Sonne zu sehen und niemals wieder zurückzukehren.
Ohne Diener und Sklaven konnten wir uns nicht mehr ernähren und waschen und bewegen. Die Eltern fingen an, ihren Hunger an unseren Leibern zu stillen und bei jedem Schnitt den sie taten, versprachen sie uns ein ewiges, seliges Leben, nachdem unser Fleisch zur Nahrung für sie geworden wäre. Also hielten wir still und starben. Dann, als kein Kind mehr übrig war, begannen sie, sich gegenseitig zu verspeisen. Allen Lebens beraubt blieb das prunkvolle Haus zurück und bald schon wuchsen dort Pflanzen, die blühten, ohne daß es jemand bemerkte.

Heilbumsen

He doesn’t play for money wins,
he doesn’t play for respect.

Sting

Es geht gar nicht um mich. Vielmehr um einen Dienst an den Mitmenschen. Ich meine, wenn sich die Leute um Obdachlose kümmern oder für Greenpeace engagieren, dann ist das gar kein Gesprächsthema mehr. Also zumindest die letzten paar Jahre, immerhin gibt es die Grünen jetzt auch als Ministerpräsident und so. Und so sehr stehe ich auch gar nicht auf Frauen und ich hänge halt auch nicht permanent auf einschlägigen Dating-Internetseiten rum. Sie dürfen sich da nichts falsches vorstellen.

Angefangen hatte es mit der Freundin von einem Bekannten, die wollte eigentlich nur reden und weil ich dieses „Erzähl-mir-dein-Leben“-Gesicht habe, ging das stundenlang. Nicht, daß es mich nicht interessiert hätte. Ich finde es schön, wenn die Menschen mir vertrauen und ihr Herz ausschütten. Sie hat auch wirklich doll gelitten und sich so viele Dinge vorgestellt, wie es zu laufen gehabt hätte und wie das Leben zu sein hat und dann war alles so anders gekommen und dann war da Schuld und ganz wenig Liebe, gemeine Vertrauensbrüche, böse Worte. Dann war sie so überwältigt, dass sie mich berühren musste und so kam plötzlich der Sex dazwischen und eigentlich wußte ich gar nicht so recht, ob das alles so seine Richtigkeit hat, aber passiert ist passiert. Nachdem es vorbei war, hat sie sich geschämt. Das fand ich unnötig. Ich sagte ihr dann, dass es nur eine Art Fortsetzung des Zuhörens gewesen sei, quasi physisches Zuhören und die Hauptsache sei, daß sie sich ein bisschen besser fühlt. Entspannung ist doch wichtig, oder? Jedenfalls war es das Stichwort und von da an hatte sie ein erhöhtes Bedürfnis nach Entspannung. Und irgendwie gefiel ihr wohl auch, daß es keine Verpflichtung zu irgendwas gab und als ich noch kleiner war, war ich generell sehr hilfsbereit. Außerdem ist es ganz natürlich. Man hat doch auch so einen angeborenen Drang zur Bewegung.

Daneben gab es aber auch ihren großen Freundeskreis und bald bekam ich eine andere Email. Von fehlender Entspannung war die Rede und von meiner offenen Art und ob ich mir nicht vorstellen könnte, sich einfach mal zu treffen, ganz ergebnisoffen, um zu sehen und so weiter. Wenn ich eine Spinne zuhause entdecke, dann trage ich sie doch auch in einem Glas nach draußen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch eher weniger abends vor, bin nicht so der Kneipentyp, und habe zugesagt. Irgendwann habe ich dann aber meine Mitgliedschaft im Sportverein gekündigt, weil ich es einfach nicht mehr geschafft habe zum Yogakurs und Aquajogging zu gehen und gehe nun lieber regelmäßig zum Arzt.

Und als ich dann endlich die Visitenkarten hatte, dachte ich darüber nach, daß es doch auch in Ordnung wäre, die ein oder andere Spende anzunehmen, die man mir ohnehin immer angedeihen lassen wollte. Viele der Termine liegen halt auch ein bisschen weiter draußen, ich habe aus Überzeugung kein Auto und dann nehme ich ein Taxi, bis auf im Sommer, dann ist ein bisschen Fahrrad fahren sehr nett, nur auf dem Rückweg kann es manchmal zwacken. Nein, ich will mich nicht bereichern, es ist halt nur so, daß auch das Babyöl, die Gummihandschuhe und die Batterien von irgendwas bezahlt werden müssen.

In so einem Internetforum für Rechtsfragen habe ich dann nach Gemeinnützigkeit gefragt, aber das scheint nicht so einfach zu werden. Obwohl es doch für alle gut wäre, wenn man die Spenden steuerlich geltend machen könnte. Ist doch bei amnesty genauso.

Fernbeziehung

Gustav versuchte seine Ruhe zu finden. Sicherlich, ein Zug voller Menschen, die alle nur noch nach Hause wollten, ist nicht unbedingt der Hort der Ruhe, aber es gab zwischen den ganzen Profi-Pendlern die stille Übereinkunft, dass man sich auf dem Weg zur und von der Arbeit weitestgehend in Ruhe ließ. Er hatte Glück, denn ein Sitzplatz am Fenster und in Fahrtrichtung wurde just in dem Moment frei, als er den Wagon bestieg. Die Häuser rauschten vorbei, das Treiben, die Autos und vorbeifliegende Szenen lullten ihn ein, das ersehnte Gefühl des Vergessens kündigte sich milde an. Der Zug fuhr mit gemäßigter Geschwindigkeit in den nächsten Bahnhof ein, Reihen von Menschen auf dem Bahnsteig stehend, auch sie voller Hoffnung auf kurzfristiges Verdrängen des Tages und Erlösung durch die Lieblings-Serie. Gustavs Favorit war eine Fantasy-Produktion, in welcher mindestens einmal pro Folge ein Charakter möglichst spektakulär, blutig und unerwartet aus der Geschichte entfernt wird und die gutgebauten weiblichen Figuren ihre Reize mehr als deutlich und hochauflösend den Konsumenten entgegenstöhnten. Ein internationaler Erfolg.

Die Türen öffneten sich, Menschen schoben sich raus und andere Menschen wieder hinein. Er starrte leer in der Gegend herum, so dass er nicht bemerkte, dass sich die Zusammenstellung seiner Sitznachbarschaft änderte. Erst als das Reden einsetzte, schreckte er auf. Neben und vor ihm saßen nun zwei junge Frauen in ihren Zwanzigern und verstießen gegen das heilige Gesetz der Pendler-Trappisten. „Und dann habe ich sie direkt gefragt…“ „Und was hat sie gesagt oder hat sie wieder drumherum geredet?“ „Also, sie hat nur davon geredet, dass sie Ende Mai geht und…“ „Was? Nicht wirklich, oder?“ „Doch, aber natürlich nix konkretes…“ „Und was hat Klaus dazu gesagt?“ „Der war grad nicht da.“ Vor Gustavs geistigem Auge zerstoben Bilder von Drachen und halb-nackten Kriegerinnen und er nahm erstmals die Tunnelbeleuchtung wahr. Sie war blau. „Wie ist es eigentlich mit deiner Beziehung?“ Gustav ahnte Schlimmes. Es waren noch zwanzig Minuten, bis er aussteigen konnte und jetzt kam so eine Eröffnung von der Blondine links. „Seid ihr wieder zusammen?“ Die andere Blonde vor ihm fing an nervös an ihrer Lippe rumzupulen. „Nein. Also nicht richtig wieder zusammen. Ich habe das noch nicht entschieden.“

„Hör auf!“ Er hatte die Hoffnung, dass damit die Konversation gemeint war, aber die linke Blondine wollte nur, dass die vordere Blondine aufhörte sich die Lippen in Fetzen zu zupfen. „Du musst dich aber auch entscheiden!“ „Habe ich ja – ich habe ihm gesagt, dass wir erst wieder richtig zusammen sind, wenn ich merke, dass sich etwas geändert hat. Sonst nicht.“ „Was hat er darauf gesagt?“ „Jaja, aber wenn man soweit auseinander lebt, dann ist das nicht so einfach. Es wäre was anderes, wenn wir in einer gleich großen Stadt leben würden. Und da hat Silke ja auch Recht und das ist der Grund weshalb wir so oft und so heftig streiten.“ „Ja, das stimmt. Das macht ihr immer.“ „Und er ist ja kein Kind, dem ich Vorschriften mache!“ „Ich finde ja auch, dass man niemandem Vorschriften machen sollte…“ „Aber du willst mir sagen, was ich tun soll?“ „Nein, nein, ich weiß ja gar nicht wie er so ist in der Beziehung und was er so sagt und wie er dich behandelt!“ Die andere Blondine verzog ein wenig ihr Gesicht. Gustav meinte zu spüren, wie ihm Blut aus den Ohren lief. „Wenn man so eine Fernbeziehung hat, dann ist das mit doppelter Kraft.“ „Und der Job steht höher als du!“ „Aber damit habe ich kein Problem. Das ist für mich in Ordnung.“ „Du findest, dass es ok ist, wenn der Job höher steht?“ „Klar, das verstehe ich. Aber wieso fährt er nicht mit mir in den Urlaub?“ Gustav kannte den Grund. Oder tausende. „Vielleicht hat er kein Geld mehr oder so, aber dann war er schon vorher mit seinen Freunden im Urlaub und das verstehe ich nicht.“

Die Blondine zur Linken zückte ihr Smartphone und wischte hektisch darauf rum. „Tschuldige, ich, wenn ich nicht jetzt, dann…“ Die automatische Ansage im Zug kündigte als nächste Station den Hauptbahnhof an. Gustav schöpfte Hoffnung. Normalerweise stiegen 75% der Mitfahrer dort um. „Ich muss jetzt raus.“, sagte die vordere Blondine. „Ich komme mit, ich habe den Termin umgelegt und gehe direkt in’s Studio.“ Richtig glücklich schien die Vordere nicht damit zu sein, lächelte aber und beide erhoben sich von ihren Sitzen und verließen den Zug. Gustav wollte nicht wissen, um welche Art von Studio es sich handelt. Seine Schultermuskulatur entspannte sich jetzt geringfügig. Immerhin war es für die letzten Stationen bis nach Hause ruhig und er konnte sich entscheiden, was er beim Döner-Mann fürs Abendessen holen wollte. Vielleicht wäre ein Döner Teller mit Pommes angesagt – nach der vielen Pizza letzte Woche. Und irgendwann würde es auch mal mit einer Freundin bei ihm klappen; da war er sich sicher.