Der purpurne Mülleimer – Anoraks erster Fall – Teil 5

Der Flug verlief ziemlich reibungslos, immerhin komme ich mit meinem Teppich nie in den Feierabendverkehr. Es ist zwar ein alter Perser und könnte bestimmt auch mal gereinigt und generalüberholt werden, aber er brachte mich immer zuverlässig von A nach B. Ich verstaute meine Ausrüstung und rollte mein Fluggerät zusammen, stellte ihn neben den Rasenmäher in die Garage.
Für den Rest des Tages lagen keine weiteren Kletteraufträge an und so konnte ich mich dem Haushalt zuwenden. Es war an der Zeit, alles einmal durchzusaugen, Staub zu wischen und den Spülberg des Todes abzutragen. Mit vollem Eifer machte ich mich an die Erledigung dieser Aufgaben. Gegen Abend dann, nachdem ich mir auch noch die Zehennägel lackiert und die Zebrafische gefüttert hatte, machte ich es mir auf dem Sofa bequem und fing an, die angolanische Zitter zu zupfen. Meine Mutter hatte es mir beigebracht. Und so spielte ich gedankenverloren ein paar Stunden, nippte am Bier.
Das Leben ist schon sehr merkwürdig, dachte ich bei mir, so ein kleines, abgerissenes Ohr kann einen erwachsenen Menschen total aus der Fassung bringen. Anorak war ja eigentlich ein ganz netter Typ, irre, aber nett – doch er geriet immer in solch merkwürdige Geschichten und nun hatte er wirklich daran zu knappsen. Das sah man ihm richtig an. Und ich wusste nichts über seine Gründe. Aber auch egal. So wichtig war es mir nun wieder auch nicht.
Ich entspannte den Bogen und legte die Zitter zurück in die Kiste, sprach den Segen und verschloß sie. Zeit ins Bett zu gehen. Das Badezimmer war schön warm und die heiße Dusche tat nach der ganzen Entspannung gut. Zum Glück hatte ich mir einen kleinen Vorrat an Haarseife unterschiedlichster Art angelegt und so konnte ich frei wählen: diesmal eine Komposition aus Waldmeister, Avocadokern und Bonobosperma – ein Aroma, an das ich mich ersteinmal gewöhnen musste, was aber einen schönen Seidenglanz in meine feuerroten Haare brachte. Schlafanzug angezogen und ab ging es in die Heia. Für meine 66 Jahre brauchte ich erstaunlich viel Schlaf, meine Träume hatten noch einiges zu bieten, ich schlief zumeist schnell ein und erwachte erquickt. Diesmal war es aber anders. Kaum hatte ich das Licht gelöscht und war auf dem besten Weg ins Traumreich, hörte ich ein dezentes Räuspern, was mich dazu veranlasste die Nachttischlampe sofort wieder einzuschalten. Da sah ich es vor mir. Direkt an dem Fußende meines Bettes. Ein Mann mittleren Alters in einer Badehose, klatschnaß tropfte er mir den Teppich voll und hielt dabei etwas in der Hand, was ich nicht erkennen konnte. „Ich heiße Troben.“, sagte er zu mir.

Anorak hatte den ganzen Tag mit dem Ohr verbracht. Nach kurzer Betrachtung war es offensichtlich, daß es einem Androiden gehörte. Dazu musste man kein Fachmann sein. Aber für eine eingehende Analyse brauchte der Beauftragte des Ministeriums für Wasserangelegenheiten, als solchen empfand sich Anorak noch, aber mit einem kleinen Hauch Ungewissheit, mehr Zeit. Zwar waren alle notwendigen technischen Geräte in seinem Wagen, aber er brauchte noch ein paar Minuten, um zu seiner professionellen Ruhe zurückzufinden. Nachdem er ein paar winzige Kabel und einen Steuerungschip, Typ Weitlausch mit einem Frequenzgang einer Fledermaus, gefunden hatte, ging es bei Anorak voran. Er verglich die Seriennummer mit den Datenbanken des Herstellers, zu dem er sich mit seiner alten Agenten ID Zugang verschafft hatte, machte eine Hardcopy von einer Händleradresse, die zu einem Shop gehörte, deren Inhaber den Chip gekauft hatte. Danach schrieb Anorak dann ‚Kilroy was here‘ in einen neuen Datensatz in der Datenbank und ersetzte einige Produktbilder durch Reproduktionen alter Kupferstiche, die Beischlafpositionen darstellten. Dann beeilte er sich zu dieser Adresse zu fahren, was ein wenig dauerte, weil er in den Feierabendverkehr geriet.
Fuego Ramirez betrieb einen windigen Elektroersatzteilladen im Westend. Fuego war der Kontakt für alle Androiden-Tuner dieses Distrikts. Streng genommen war das Tuning von Androiden nicht illegal, solange man sie nur zuhause und auf Privatwegen nutzte, aber der Nervenkitzel für viele Tuner bestand darin, ihre Androiden in Wettkämpfen gegeneinander antreten zu lassen. In den verschiedenen Datennetzen gab es Wettbüros, wo man eine Stange Credits auf solche Turniere verwetten konnte. Zum Beispiel auf den Ausgang eines Brotbackwettbewerbes, wo aufgemotzte Haushaltsandroiden zu Höchstleistung gezwungen wurden. Oder Altenpflegemarathons, die in abgeschiedenen Seniorenheimen abgehalten wurden, deren Betreiber sich ein bisschen Taschengeld dazuverdienten. Ein grausamer Zeitvertrieb! „Hey Ramirez wem hast du diesen Gehörgang-Enhancer verkauft?“, schrie Anorak quer durch den Laden und warf das Beutelchen in Richtung Tresen, wo sich Fuego gerade mit einem Kunden über die Ergebnisse des letzten ‚Poetry Slams für 16 Core Prozessoren‘ austauschte. Scheinbar hatte ein griechisches Modell 18734 improvisierte Texte in 12 Minuten vorgetragen, was bei der Konkurrenz zu Elektrohirnversagen führte.
„Anorak, du altes Scheißhaus! Was gehen dich meine Geschäfte an?“
„Hör zu Ramirez, hier geht es um ein Verbrechen. Ich kann zwar nicht in die Einzelheiten gehen, aber es war wirklich schlimm!“
Fuego Ramirez grinste schief in die Runde. „Ich habe keine Ahnung, von was du da redest, Anorak…“, aber schon war Anorak zu ihm hin gesprungen, schnappte sich den Kopf von Ramirez und schlug ihn gegen den Tresen, so daß Kugelschreiber und Solartaschenrechner von der Bausparkasse einen Zentimeter hochhüpften. Dann riss er Fuego an den Haaren in die Höhe und große Tropfen Blut tropften aus der Nase des armen Tropfes. „Und ihr halb-legalen Umbauprofis geht jetzt nach Hause, dieser Laden ist für heute geschlossen!“, Anoraks Stimme überschlug sich. Er ließ den puertorikanischen Einwanderer dritter Klasse auf den Boden plumpsen.
„Pollo de Muerto! Was habe ich dir getan, Idiot?“
„Hier ist eine Verschwörung auf höchster Ebene im Gange und du hast daran mitgewirkt!“
„Ich? Niemals! Niemals würde ich sowas machen! Wer sagt das?“
„Es sind Roboter manipuliert worden Fuego, Roboter, die sich in der freien Wildbahn bewegten und ahnungslosen Agenten des Ministeriums für Wasserangelegenheiten falsche Tatsachen vorspiegelten!“, dramatisierte Anorak und fand sich glaubwürdig.
„Ah, du bist also reingelegt worden, Anorak!“, erkannte messerscharf Fuego Ramirez. „Und nun willst du wissen wer dich da gefickt hat, oder Hombré?“
„Ich habe niemals gesagt, daß es hier um mich geht“, schmollte Anorak, „aber mein Kollege muss unbedingt erfahren, wem du diesen Chip verkauft hast.“ „Affenarsch!“, Fuego rappelte sich auf und ging an seinen Computer.
Nach kurzer Betrachtung des Beutelchens mit dem Chip, tippte er etwas in seine Konsole ein und das Dampfwasser-Hologram projezierte eine Adresse mitsamt eines Kartenausschnittes. Alles in 3D und zum darumherumlaufen. Anorak richtete sein Handy auf die Projektion und kopierte die angezeigten Daten. „Falls das hier nicht funktioniert, gebe ich deine Adresse an die Angehörigen der Altenheimbewohner weiter und erzähle ihnen, wer für die modifizierten Pflegeroboter verantwortlich war!“

„Hey Mann, das ist die reine Wahrheit, bei Maria und dem verfickten Jesuskind!“

Der purpurne Mülleimer – Anoraks erster Fall – Teil 3

Aurora und Hope saßen fest. Es war bitterkalt und nichts ging mehr. Weder vor noch zurück. Die Männer waren verzweifelt, als sie ihre Ausrüstung und ihren Proviant aus den Schiffen holten. Soweit das Auge reichte, war das Meer zugefroren und sie konnten sich nicht vorstellen, daß sie jemals lebend aus dieser Situation herauskommen und zurück bei ihren Lieben sein würden, alt werden und ihren Kindern und Enkeln von dieser wundersamen Welt erzählen. Nur Commander Aldridge, dritter Earl von Sumpton, bewahrte Ruhe, organisierte die Logistik und führte seine Männer schließlich zum Winterlager, 133km weit entfernt von dem Platz, wo ihre beiden Forschungsschiffe langsam vom Eis zermalmt wurden. „Wir werden dem arktischen Winter trotzen, wir werden hier zivilisiert überleben, wir werden auch in dieser Situation stolz das Empire vertreten und darüberhinaus Tee trinken. Pünktlich um 17 Uhr!“ Die Mannschaft jubelte ob dieser mitreißenden Worte und schöpfte frischen Mut. Vier Monate später saßen zwei vom Skorbut ausgemerkelte Gestalten vor der Überwinterungshütte und weinten bittere Tränen. Sie mußten mitansehen, wie ihre Kameraden starben, sie mußten zuerst die Hunde und dann Teile der Toten essen und jetzt, da nahezu alle Vorräte verbraucht waren, schrieben sie Abschiedsbriefe und betranken sich mit der letzten Flasche Rum. Nach ein paar Stunden sackte der eine der beiden in sich zusammen und starb. Der letzte Überlebende schaute auf in den glasklaren Himmel und legte sich dann neben seinen Kameraden und schloß seine Augen. Eine tiefe Stille umfing sein Herz, eine Ruhe, die ihn sanft hinüber ins Totenreich bringen sollte. „Entschuldigen sie bitte mein Herr, was machen Sie hier?“ Lars Larssen, der Koch der Expedition, schlug seine Augen wieder auf und er sah das durch eine dichte Fellkapuze bewährte Gesicht eines nordischen Ureinwohners. „Ich“, brachte er schwach hervor, „werde sterben.“ Dann schwanden ihm die Sinne.

Der Geruch von Robbentran, der mit Yante-Wurzeln vermischt wurde, ist einmalig. Er pendelt irgendwo zwischen Durianfrucht und einer verwesenden Leiche. Wenn man das zusammen mit heißen Wasser serviert bekommt, dann kann hier nur ein Schamane am Werk sein, jemand der sich damit auskennt, halb erfrorenen Männern die Seele zurück in ihre Körper zu prügeln. Tanpuk Sökök war so ein weiser Mann. Und Lars Larssen hatte unglaubliches Glück gehabt, daß Tanpuk auf der Jagd gewesen war, als er an der Hütte der bekloppten Weißen vorbeikam, die er in den letzten Monaten immer mal wieder aus der Ferne beobachtet hatte. Eigentlich verfolgte er nur eine Fährte, aber statt des Eisbärs, den er eigentlich erlegen wollte, fand er diesen verrückten Sterbenden vor und er beschloß ihn zu retten. Einen konnte er retten. Wenn er vor zwei Monaten beschlossen hätte hier hin zu kommen, um die übriggebliebenden Männer zu retten, dann wären sie alle gestorben – denn soviele Vorräte hatte er nicht. Nach einigen Tagen kam Lars wieder zu Kräften. Zuerst hielt er Tanpuk und seine Behausung für eine himmlische Erscheinung, aber spätestens als Tanpuk ihm aus Versehen den Yante Tee über die Brust goß, akzeptierte Larssen die Realität: er war gerettet. „Lieber Herr Sökök, wie kann ich Ihnen nur für ihren Akt der Nächstenliebe danken?“ „Nun, ich hätte das so ein Anliegen. Sehen sie, ich bin nicht mehr der Jüngste und meine Kräfte schwinden. Aber ich habe hier einen Auftrag zu erfüllen: meine Leute haben mich ausgesandt, damit ich den großen, weißen Eisbär erlege.“ „Ja, das klingt wirklich nach einer wichtigen Aufgabe. Bestimmt ist sein Fleisch und sein Fell wichtig, damit euer Volk den harten Winter überleben kann.“ „Nein, so ist es nicht“, sagte Tanpuk, „meine Leute haben genug zu essen und leben in Holzhütten mit Bolleröfen. Wir verkaufen unsere Felle und bekommen dafür von den dänischen Händlern alles, was wir so zum Leben brauchen. Manchmal sogar Gemüse aus fernen Ländern. Die nennen das Gemüse Paprika und ich mag es ziemlich gerne!“ Lars nickte mit dem Kopf. „Der Grund warum ich den weißen Riesen jage, ist der: in einer schönen Polarnacht, als wir alle selig in unseren warmen Betten lagen, an unsere Frauen geschmiegt und von innen gewärmt vom Wasser des Lebens, kam dieser Bär in unsere Siedlung. Er tappste geradewegs in das Haus unseres Vorstehers und noch bevor dieser hätte aufwachen und zu seinem Gewehr greifen können, fraß er ihn und seine Frau. Aber damit nicht genug – er fraß auch alle Vorräte des Vorstehers inklusive der Paprikas. Und darauf nahm er uns unseren heiligen Fetisch. Rücksichtslos wie er war, fraß er ihn einfach auf. Nun ruht er im Magen dieser Bestie und wir befürchten, daß uns unser Glück verlassen könnte, die Hütten zusammenbrechen, die Frauen mit den Dänen abhauen und wir niemals wieder eine Paprika zu Gesicht bekommen. Von daher muss ich unseren Glücksfetisch wieder zurückbringen!“ „Aber warum ihr? Seid ihr nicht so eine Art Doktor? Gibt es nicht junge, mutige Jäger, die das übernehmen könnten?“ Für eine Weile konnte man nur das Heulen des Windes hören, der draußen vor dem Zelt ziellos umher wehte. Dann erhob Tanpuk wieder seine Stimme: „Wir haben Strohhalme gezogen.“ „Das tut mir leid.“, sagte Lars Larssen und er meinte es auch so, denn zu oft hatte auch er in seinem Leben den Kürzeren gezogen. „Ich glaube, du kannst mir helfen, den Eisbären zu fangen. Du bist ein starker, junger Mann und du schuldest mir eine Kleinigkeit dafür, daß ich dich gerettet habe.“ Lars nickte mit dem Kopf. Tanpuk fuhr fort: „Leg dich jetzt hin, finde Ruhe und zu deinen Kräften zurück und in ein paar Stunden werden wir aufbrechen und das Tier zur Strecke bringen. Dann schlitzen wir ihm seinen Bauch auf, holen unsern Glücksfetisch und vielleicht ne Flasche Aquavit heraus, bringen alles nach Hause und dort machst du uns dann einen leckeren Gulasch aus dem Schlingel.“ „Ok, abgemacht. So wollen wir es halten!“

Am nächsten Morgen machten sich die beiden auf den Weg, sein Hundeschlitten flog über die weiße Landschaft. Mit zusammgekniffenen Augen suchte Tanpuk nach Spuren. Er konnte die ungefähre Route eines Eisbärens vorraussagen, indem er die Beschaffenheit des Schnees und die Windrichtung miteinander in Verbindung setzte und seine Hunde, beziehungsweise ihre Nasen erledigten den Rest. Der Smutje der Aurora verstand nichts von alledem. In seinen Gedanken ging er ein paar Rezepte für Wildgulasch durch und hoffte, daß man sie auf Eisbären übertragen konnte. „Tschhh!“, zischte Tanpuk auf einmal. Lars dachte, daß er ja gar nichts gesagt hatte, aber Tanpuk ermahnte ihn „der Bär kann auch deine Gedanken lesen. Und wenn er merkt, daß du über Eisbärengulasch nachdenkst, dann findet er das bestimmt nicht gut. Lars war verblüfft, aber er hatte nicht genügend Zeit, sich um seine Verblüffung zu kümmern, denn schon hielt Tanpuk den Schlitten an und drückte ihm eine Flinte in die Hand. „Wir müssen ihn in die Zange nehmen. Ich fühle, daß er nicht weit entfernt ist und versucht unsere Gedanken wahrzunehmen. Du gehst rechts 500 Schritte und ich links. Dann rücken wir vorsichtig nach vorne vor und schießen von beiden Seiten auf mein Kommando. So geschah es dann auch. Sie waren beide in Position und sahen schemenhaft die Gestalt des Tieres. Es hob sich kaum vom Rest ab, so gut war es getarnt. Beide legten an und nachdem Tanpuk den Ruf der Polarhasen erschallen ließ, feuerten sie. Aber sie trafen nicht. Der Bär war nun gewarnt, aber er flüchtete nicht. Vielmehr lief er jetzt auf Tanpuk zu. Lars versuchte schnell zu seinem Retter zu kommen, um diesen vor dem Bär zu retten. Tanpuk schoß mehrfach in die Richtung des nahenden Eisbären, traf ihn auch, aber nicht tödlich. Dann schmiss sich der König des Nordpols auf den Schamanen und zerfleischte ihn. Noch während Lars auf ihn zulief, feuerte er alle seine Patronen auf den Bären ab und die letzte schließlich durchschlug den Kopf des Tieres, so daß es tot zusammenbrach. Lars war außer sich und schrie in die Weite des ewigen Eises seine Wut und Trauer. Er, der gerettet worden war, konnte seinen Retter nicht retten. Nachdem er lange genug die Fäuste gen Himmel gereckt hatte, wandte er sich seiner Aufgabe zu, denn er wußte, daß nun er derjenige war, der den Bären ins Dorf zurückbringen mußte. So holte er den Schlitten, zerlegte den Eisbären, verstaute alles, was er in seinem Magen fand zusammen mit dem Fleisch auf dem Schlitten und vertraute darauf, daß die treuen Hunde ihn zur Heimat von Tanpuk zurückführten. Und so geschah es auch. In einer feierlichen Zeremonie gedachte man Tanpuk, aß gemeinschaftlich das Gulasch, welches wirklich sehr gut geworden war und stellte den Glücksfetisch wieder an seinen angestammten Platz.

Lars Larssen beschloß im Dorf zu bleiben und dort sein Leben zu verbringen. Er heiratete eine wunderbar weiche Frau, die zu den besten Jägern gehörte, er bereitete das Fleisch zu, welches ihm seine Frau brachte und er wunderte sich bis zu seinem Tod darüber, warum ausgerechnet ein purpurner Mülleimer der Glücksfetisch des Dorfes war.

Der purpurne Mülleimer – Anoraks erster Fall – Teil 2

Als er die Augen aufschlug, war es dunkel. Finster. Wie in einem schwarzen Loch. Und er musste es wissen, denn damals war er, im Rahmen einer groß angelegten Unternehmung, mit einer Gruppe von Spezialisten in das Zentrum eines schwarzen Loches geflogen. Sie wollten wissen, was sich auf der anderen Seite befindet, falls man überlebt und dort ankommt. Konnte man die vom schwarzen Loch eingefangene Energie irgendwie für den Menschen nutzbar machen? Das, was sie zu sehen bekamen war so grausam und niederschmetternd belanglos, daß die Expeditionsteilnehmer beschlossen, darüber Stillschweigen zu vereinbaren. Stattdessen machten einige von Ihnen in Atomkraft, andere verkauften Streichholzschachteln. Letzteres war ein äußerst lukratives Geschäft, waren doch nach dem letzten großen Krieg alle Bäume gestorben und Holz so wertvoll wie Gold oder eine Locke von Elvis. Jemand, der von seiner Oma einen häuslichen Vorrat an Streichhölzern geerbt hat, war für alle Zeiten von der Erwerbsarbeit befreit.

Er hingegen hatte aber eine ganz andere Richtung gewählt: zusammen mit seiner Pflegemutter ging er nach Norwegen und baute Pilze an, dann kehrte er irgendwann zurück, weil seine Pflegemutter einen Rettungsschwimmer geheiratet hatte. Einen netten Kerl. Er hieß Troben, weil seine Eltern sich beim Eintrag ins Geburtsregister verschrieben hatten und der Beamte keine Korrektur zuließ. Troben versah seinen Dienst in einem der Fjorde und war bei den Badenden äußerst beliebt. Den Kindern aus den Gemeinden, die an den Fjord grenzten, brachte er kleine Kunststücke bei, wie zum Beispiel das Zurückspringen in der Zeit, wenn man einen ‚Wer kann am längsten seinen Atem anhalten?‘-Wettbewerb gewinnen wollte. Eines schönen Sommertages benutzte er diesen Trick versehentlich und wurde von einem parkenden Lastwagen überfahren, weil der Fahrer gesehen hatte. Troben stand ungünstigerweise auf einem leeren LKW-Parkplatz an einer Autobahnraststätte, als es passierte. Seine Mutter brachte sich danach um, indem sie sich auf die Schienen einer Schnellbahnlinie zwischen Kiruna und Oslo legte, die aber schon vor drei Jahren wegen Unwirtschaftlichkeit stillgelegt wurde. Sie war schon immer gut im Warten gewesen.

Es war immernoch dunkel, es roch nach den Schalen von ausgepressten Orangen. Eigentlich wäre das ein netter Geruch gewesen, wenn das Auspressen nicht vor drei Jahren passiert wäre. Schon wieder so ein Zeitproblem, dachte er. Vorsichtig tastete er sich durch den Raum, der Boden war so eine Art Kopfsteinpflaster, ein bisschen glitschig, als wären Algen darauf gewachsen. Er fand eine Wand und seine Fingerspitzen fuhren an etwas entlang, was sich nach Haifischhaut anfühlte. Er kam zu dem Schluß, daß er sich in sowas wie einem stillgelegten Krankenhaus für Meeresfrüchte befand, die irgendein Idiot vor drei Jahren mit Orangen gefüttert hatte (vielleicht an Weihnachten), worauf alle Tiere starben und das Wasser abgelassen werden musste. Das hatte mit Sicherheit zur Insolvenz des Krankenhauses geführt und nun rottete das Gebäude, zusammen mit ihm, vor sich hin. Und daß er hier im Dunkeln seinem Tod entgegensah, was ja streng genommen aufgrund der Lichtverhältnisse nicht möglich war, hatte er bestimmt einem wahnsinnigen Wissenschaftler zu verdanken, dem das marode Krankenhaus nun als Zentrale diente. „Hätte ich doch nur eine Atomgranate dabei!“, schrie er und der Hall ließ ihn sich für eineinhalb Sekunden nicht so einsam fühlen.

Und in diesem Moment ging die Türe auf, gleißendes Licht strömte herein und Anorak stand im Türrahmen. „Also, du Vogel, bist du endlich zur Vernunft gekommen und machst eine Aussage?“ Es dauerte eine Weile. Vielleicht auch länger. „Welche Aussage?“, rief ihm der Mann in der Dunkelheit entgegen. „Salomon Zwitschermann, ich hatte dich für klüger gehalten.“, schrie Anorak. „Du kommst mit deinen vierzehn Brüdern auf euren Feuerstühlen vorbeigerast und ihr wollt mich, Anorak, den Beauftragten des Ministeriums für Wasserangelegenheiten, unter Druck setzen, nur weil ich mit eurer Schwester einmal ausgegangen bin?“
„He, Amarak oder wie du Hirni auch immer heißt – das Ministerium für Wasserangelegenheiten wurde schon vor drei Jahren mit der Landwirtschaftskammer zusammengelegt und die Hälfte der Agenten wurde entlassen. Jetzt heißt der Laden ‚Vereinigte Vermesser‘ und du hast überhaupt keine Ahnung von dem was du da faselst! Außerdem ist unsere Schwester vor zehn Jahren im Alter von drei gestorben.“ Anorak kam ins Grübeln. Entweder wollte Salomon ihm einen ziemlichen Bären aufbinden oder er war in ein Komplott geraten, daß zum Ziel hatte ihn eines Verbrechens zu bezichtigen, daß er unmöglich begehen hätte können. Das Opfer war ja schon lange vorher gestorben. Aber mit wem hatte er denn sein Date, wer verlangte so auffallend frech nach Sandwiches und wen hatte er schließlich die Klippen heruntergeschmissen? „Okay Salomon, ich komme dir jetzt deine Handschellen abnehmen und dann gehen wir ganz gesittet hier raus in die Küche, trinken einen Tee und unterhalten uns. Einverstanden?“ „Du bist total verblödet, Angkor Wat! Ich habe gar keine Handschellen an. Aber einen Tee könnte ich jetzt auch gut gebrauchen.“

Der Tee duftete lieblich nach Anis und Kümmel und Lebkuchengewürz und gerösteten Haferflocken. Anorak und Salomon saßen sich an einem robusten Küchentisch gegenüber, jeder auf einem zu kleinen Hocker, so daß ihre Köpfe gerade mal so über die Tischplatte ragten. In kleinen japanisch anmutenden Bechern dampfte das Heißgetränk vor sich hin. Niemand von den beiden trank, weil der Tee einfach noch zu heiß war. „Wo hast du meine Brüder eingeschlossen, Analsack, du ruchloser und böser Mensch, der keine Ahnung hat, welches Jahr gerade ist?“ „Ich heiße Anorak. Wie das Kleidungsstück.“ „Stimmt, das ist einfach. Bitte entschuldige meine Verwirrung.“ „Kein Problem, Salomon, das kommt öfters vor.“ Jetzt versuchten sie den Tee zu trinken, weil es eine gute Gelegenheit war sich neue Fragen auszudenken, aber beide verbrannten sich den Mund. „Also, deine Brüder sind umgekehrt und haben das Weite gesucht, als ich dich unter Anwendung einer alten asiatischen Kampfkunst, deren Anwendung ich einmal in einer holografischen Projektion sah, von deinem Motorrad zog. Du und ich sind einzigen.“ „Große Brüder, pffffft.“ Salomon schien enttäuscht und das zurecht, wie sich später herausstellen sollte. „Aber was willst du dann von mir Anorak?“ Anorak rutschte ein wenig auf seinem Hocker hin und her, weil seine Hoden sich in der Unterhose verklemmt hatten. „Ich sammle Informationen zum Mörder deiner Schwester. Ich will ihn dingfest machen.“ „Meine Schwester ist nicht ermordet worden. Sie hat sich an einem Bonbon verschluckt. Außerdem, um mich zu wiederholen, bist du kein Agent, weil es deine blöde Behörde nicht mehr gibt. Also löst du auch keine verzwickten Fälle. Und schon recht keine Morde, weil die vom Ministerium für Wasserangelegenheiten sich. höchstens an Körperverletzung rangetraut hatten.“ Ich habe Susanne Zwitschermann also nicht von der Klippe geschmissen, weil ich gar kein Date mit ihr hatte, dachte Anorak. Hoffentlich habe ich wenigstens in dem Restaurant was gegessen, sonst werde ich gleich noch hungrig. Seine analytische Maschine lief auf Hochtouren. Wer war diese Person gewesen, warum ließ sich ihn an ihrer Unterwäsche rumfummeln und, was noch viel wichtiger war, warum hat sie ihn zu diesem Mord an ihr gereizt? Was wollten die Zwitschermann-Boys von ihm? Warum gerade nach dem Mord? „Warum bist du mit deinen Brüdern da an den Klippen herumgekurvt?“ Die Frage saß. Salomon versank, so daß nur seine Augen zu sehen waren. „Also, ich warte. Oder soll ich dich zurück in Orangensaftzentrifuge bringen?“ Aha, dafür wurde der Raum also genutzt, ging es Salomon durch den Kopf. Aber wußte nicht, ob er Anorak von den Plänen der Zwitschermann-Boys erzählen durfte. Immerhin war alles streng geheim und die Mutter zuhause hatte ihnen allen eingeschärft, nicht mit Fremden darüber zu reden. Wenn man unbedingt mit irgendwem darüber reden wollte, sollte man auf den Bus mit den Leuten warten, die das interessiert. In der Gegend wo er zusammen mit seinen Brüdern aufgewachsen ist, gab es keine Busverbindung. Andererseits dachte Salomon an seine nichtsnutzigen Brüder und dass sie ihn einfach zurückgelassen hatten. Er schwebte noch eine Weile zwischen diesen Polen, Anorak schaute streng, Salomon trank einen Schluck Tee, Anorak auch, aber dann kam Salomons Kopf wieder hoch und auch sein Mund war wieder zu sehen, aus welchem folgende Erklärung kam: „Also, wir sind ausgesandt worden, den purpurnen Mülleimer zu finden.“

Der purpurne Mülleimer – Anoraks erster Fall – Teil 1

Wenn der Stuhl weiß ist, dann ist das nicht gut, fast so schlecht, als wenn man ihn erbricht, dachte Anorak. Dann schaute er in die Schüßel, nickte zufrieden und spülte. Trat aus der Kabine, schloß die Tür und zog seine Hose hoch. Der Mann, der am Eingang saß, direkt neben dem Unterteller mit den Münzen, kam auf ihn zugeeilt. „Bitte Monsieur, kommen sie hier entlang.“ und er führte Anorak zu den Handwaschbecken. Hier drehte er das Wasser auf, prüfte die Temperatur, nahm Anoraks Hände und befeuchtete sie von allen Seiten; zwischen den Fingern auch. Auch die Fingernägel . Nun griff der Hygienewart zur Seife, lies sie zwischen seinen mittlerweile ebenso nassen Fingern schäumen, legte die Seife zurück in die goldene Schale, die von zwei Drachenköpfen an der Wand gehalten wurde und verteilte den Schaum auf Anoraks Händen. Wieder wurden die Fingernägel nicht vergessen. Vorsichtig führte er die Hände tiefer ins Handwaschbecken und unter den Wasserstrahl. Die Seife wurde abgespühlt und der Hygienewart sorgte dafür, daß nirgendwo ein Rest übrig blieb. Nicht der Kleinste. Dieser Vorgang wurde wiederholt. Dann legte der Wart die Hände des Kunden vorsichtig am Beckenrand ab und beeilte sich, ein weiches, nach Muskat und Zitrone duftendes Handtuch, aus dem unter dem Becken befindlichen Schrank hervorzuholen. Anorak spürte die angenehme Wärme des Handtuchs, als der Hygienewart gewissenhaft der Trocknung der Hände nachging. Jetzt trug er die Handcreme auf die Innen- und Außenseite von Anoraks linker Hand auf, dann nahm er die Hand zwischen die Seinen und streichelte sanft über Anoraks Haut, fing an die Creme überall vorsichtig zu verteilen, einzumassierten. Dann die Wiederholung für die rechte Hand. Jetzt war der Vorgang abgeschlossen. Anorak dankte und verließ die Toilette des Restaurants.
Nun beim Ausgang, der Kellner half ihm in den Mantel und gab ihm Hut und Stock. Dann verabschiedete sich Anorak, indem er eine tiefe Verbeugung in Richtung Restaurant vollführte, drehte sich um, die Türe wurde ihm geöffnet und er ging hinaus auf die Straße. „Was hast du gegessen?“ „Ich bin mir nicht sicher. Es war wohlschmeckend, ein bisschen bitter. Dann verwandelte sich der Geschmack und es wurde sehr süß.“ „Interessant. Was sagte der Kellner dazu?“ „Er war untröstlich und wollte mir eine neue Speise bereiten lassen, aber ich habe abgelehnt.“ Anorak und seine Begleitung bogen nun in eine andere Straße ein; sie war dunkel und flüsterte freundliche Worte, so daß Menschen immer tiefer in sie hineingingen und nie mehr zurückkehrten. Aber Anorak kannte sich aus und sagte mit fester Stimme zur Straße „Hier kommt Anorak, der Beauftragte des Ministeriums für Wasserangelegenheiten, mitsamt Begleitung! Wage es nicht, uns süße Phrasen um die Ohren zu hauen. Wir kennen deine Lust auf unachtsame Spaziergänger.“ Ein Grunzen und Gurgeln, ein Reiben und Schleifen, dann bog sich der Asphalt im Licht des Silbermondes und die Straße antwortete: „Ich kenne dich Anorak! Ich war schon einmal so unvorsichtig und habe vor deinen Augen eine kleine Katze geteert. Daraufhin hast du mir Parkuhren in den Pelz rammen lassen. Jetzt will ich mich brav an deine Worte halten und hoffe auf deine Milde.“ Mit den letzten Worten bildeten sich kleine, kleinste Wellen und schlugen an die umgebenden Häuserwände. Irgendwo hier stand Anoraks Auto. Er öffnete die Türen und sie stiegen ein. Die Fahrt ging einige Stunden und schon bald sollte der Morgen grauen und die Sonne würde ihr blaues Licht über die Landschaft ergießen, die Pflanzen und die Menschen würden aufwachen und sich wieder gegenseitig den Platz in der Schöpfung streitig machen. Rechtzeitig kamen sie an einen Parkplatz, direkt oberhalb des Meeres, eine Steilküste, Schiffe tauchten auf und unter, Anorak schaltete den Motor aus und sie betrachteten das Funkeln auf dem Wasser, Reflexionen hervorgerufen durch die toten Körper vieler tausender Seeleute, die sich nun langsam auflösten und deren Verwesungsgase lustige Blasen aufsteigen ließen. Wie Luftballons auf der Kirmes, wenn der Luftballonverkäufer erschlagen daniederlag, die Hand im Tode entspannt.
Anorak war ein erfahrener Ermittler. Der Mann, dem das Ministerium blind vertraute. Er wußte, daß ein schwieriger Fall vor ihm lag, obwohl noch niemand an ihn herangetreten war und er eigentlich offiziell in Urlaub. Lange blickte er auf die Szenerie, rauchte ein paar Zigaretten und fummelte an der Unterwäsche seiner Begleitung rum. „Wollen wir uns ein paar belegte Brote besorgen, Anorak? Du hast mir ja nichts abgegeben im Restaurant und so langsam könnte ich einen Happen vertragen.“ Alles konnte der Beauftragte des Ministeriums für Wasserangelegenheiten tolerieren, nur kein Inzweifelziehen seiner Großzügigkeit. Er stieg aus, ging um sein Gefährt herum, öffnete die Beifahrertür und half seiner Begleitung aus dem Sitz, der eigens für dieses Fahrzeug aus der Haut von drei Mammutkühen gefertigt worden war. „Schau, all dies hätte dein sein können,“ und machte dabei eine raumgreifende Geste über den Parkplatz hinweg, „aber jetzt beklagst du dich und verlangst nach Sandwiches. Das macht dich unberechenbar und wir können so unmöglich ein Paar bleiben.“ „Obwohl ich dich erst ein paar Stunden kenne, hatte ich das schon erwartet, Anorak. Deswegen habe ich meine großen Brüder heimlich angerufen, sie werden bald hier sein und dich einschüchtern.“ Das reichte Anorak, er griff zu, schleuderte die Person über die Leitplanke. Tief fiel der Körper, tiefer, noch tiefer, schlug auf, zersprang, die Fetzen wurden sofort dankend von ein paar Amphibien gegessen, die dann selbst wiederum von einem großen Kraken vertilgt wurden. Dann versank der Kraken wieder im Meer und nichts deutete auf diesen Mord hin, vielleicht nur ein paar Blutflecke, die man aber von hier oben nicht sehen konnte.

Aus der Ferne hörte man das Heranrauschen der motorradfahrenden großen Brüder und Anorak war klar, daß es ein sehr komplizierter Fall werden würde. Wie sollte er sich überführen?

Der Vergesser

Nach dem Aufstehen ging er in die Küche und machte sich sein Frühstück. Kaffee und Toast mit Butter und Marmelade. Dann setzte er sich an den kleinen Tisch am Fenster und beobachtete die Wolken beim Vorrüberziehen, die Menschen ein paar Stockwerke weiter unten, die schnellen Schrittes zu ihren Zielen eilten oder er schaute hoch zu den Vögeln, wenn sie zum oder vom Baum gegenüber flogen. Sehr kleine Vögel mit unglaublich dürren Beinen, noch dünner als Zahnstocher. Irgendwann nach der Dusche, dem Zähneputzen und dem Ankleiden, wurde es Zeit zur Arbeit zu gehen. Da er nicht vermögend war, mußte er arbeiten. Seine Eltern waren weder arm noch reich, er war weder arm noch reich und seine Kinder wären ebenfalls weder arm noch reich, würde es sie geben. Es gab jedoch keinerlei Veranlassung dazu. Seine berufliche Tätigkeit ernährte ihn und er machte nichts, was ihm unmoralisch vorgekommen wäre; also nichts mit Waffen, Politik oder Werbung. Er genoß seine Mittagspause alleine, war freundlich und hilfsbereit und er verabscheute seine Mitmenschen. Still fuhr er abends in der S-Bahn nach Hause, schaute aus dem Fenster und dachte an nichts. Daheim angekommen, schloß er sich in die Wohnung ein, machte es sich bequem, aß eine Kleinigkeit und ging schließlich wieder zu Bett, in welchem er noch ein paar Zeilen aus einem Buch oder einem Artikel las. Noch einen Schluck Wasser, dann schlief er ein. Meistens träumte er dann nichts oder er konnte sich nicht erinnern und wenn er etwas träumte, dann erinnerte er sich, daß es absolut nichts zu bedeuten hatte.
Tagsüber hatte er oftmals ein Gefühl, daß ihm den Eindruck vermittelte, daß es nicht ausreichend ist, sein Leben einfach nur so in Empfang zu nehmen und runterzuleben. Da war dieser Drang etwas zu schaffen, sich zu äußern, Dingen seinen Stempel aufzudrücken, also sich einer Tätigkeit zu widmen, die man als kreativ bezeichnen könnte und das obwohl er keinerlei Beziehung zu diesem Tun hatte. Seine Eltern waren weder Musiker, noch Schauspieler, in seinem Umfeld gab es keine Autoren oder Maler. Da gab es nur die dummen Arbeitskollegen, mit denen man sich, Gott sei Dank, nur fachlich auseinandersetzen mußte und die Vögel im Baum gegenüber. Er wußte, daß nichts aus seinem Leben überlieferungswürdig war oder das es keinen Mangel an ausgedachten Geschichten gab, aber er begann, Texte aufzuschreiben. Streng betrachtet war es nur ein Anfüllen der Zeit mit einer sinnlosen Tätigkeit. Es war nicht dazu bestimmt von anderen gelesen zu werden. Und selbst wenn es ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes lesen würde, nachdem man die mumifizierte Leiche des Autors drei Jahre nach seinem Ableben gefunden hätte, wären die Inhalte belanglos und deren Trägermedien direkt in einen blauen Plastikmüllsack gewandert. Alles war nur einer Illusion geschuldet, die er von seinem Wesen als Person hatte, von seiner Vorstellung, daß genau diese Ausprägung von Atomen, die seinen Namen hatte und die ab und an Post vom Finanzamt bekam, irgendwie deutlich machen müßte, daß sie irgendwann einmal existierte und Post vom Finanzamt bekam. Nicht aus dem Bedürfnis heraus berühmt zu werden oder gar Geld damit zu verdienen, sondern lediglich, um für einen kurzen Moment die Leere zu vergessen. Dennoch: Die Buchstaben, Leerzeichen und Satzzeichen versuchten eine Ordnung zu erzeugen. Ihre Präsenz auf dem Papier sagten aus, daß es ein Oben und ein Unten gäbe, ein Schwarz und ein Weiß, einen definierten Raum und das man sich darin bewegen könnte, als wäre es ein vertrauter Ort. Manchmal sprach er die Texte laut, die Rezitation ließ Dinge und ihre Beziehung zueinander entstehen und von Zeit zu Zeit hielt er inne und wunderte sich ob der Schönheit, die entstanden war, einfach so, nahezu ohne sein Zutun. Aber wie alle Schönheit, war auch diese nur ein Trugbild, eine Sinnestäuschung; sobald die Worte verklungen, aufgebraucht waren, verschwand sie. Manchmal machte er dann das Fenster auf, ließ die kalte, reale Luft seiner Heimat hinein, faltete aus seinem Text einen Papierflieger und ließ ihn zusammen mit den kleinen Vögeln fliegen, unter ihm die geschäftigen Passanten.