Ein Incentive

Erst wenn du weißt, daß du ein Sklave bist, kannst du frei sein, sage ich.

Wehre nicht ab, schüttel nicht den Kopf, die Huftas oder alles was du hast: jeden Morgen ein Verbraucher. Die Dinge verbrauchen sich unter deinen Händen, sie verlieren an Substanz, werden fadenscheinig oder transformieren sich in Kot, Abwärme, Atemluft, Lebenszeit. Kleine Wölkchen am Bahnsteig, eng an eng der Stoßstangentanz – zusammen mit allen anderen, die kein Land besitzen und auch nicht wüßten, was sie damit anstellen sollten.

Du sollst verbrauchen. Immer wieder neu, immer mehr als gestern. Ansonsten machst du dich schuldig an deinem Nebenmann und nehmen wir es genau, auch an deiner Nebenfrau, denn wie sollen die konsumieren ohne dein Zutun?

Aber es ergibt Sinn, rufst du, die Kinder, das Haus, die Wärme; jemand muß es ja tun, unter der Brücke liegend zu fermentieren droht! Also in die Hände und auf den Penner gespuckt und sich beugen, tief hinab (aber Prostitution ist lästerlich, jaja!), den Gewinn erbringen, der irgendwo in der Ferne von deiner Organisationseinheit erwartet wird.

Immerhin darfst du noch mitspielen. Freie Zeit, sehr wenig, Haus und Hof, Verpflichtung, Fressen, Ficken und vor allem: Ablenkung. Ablenkung von dem kümmerlichen Dasein, daß du mit zu heiß aufgeblasenen Attributen versiehst: Vater, Mutter, Kind, Nation, Glaube, Zukunft, Hoffnung, der Kessel voll Gold am Ende des Regenbogens – Bedeutung. Darüber gießt du viel Alkohol – viel hilft viel. Danach wieder in das Rad, das Kreuz aufnehmen, Stein den Berg hochrollen, der Adler, die Leber; angeschwollen und fett vom Geselligsein.

In den Gesichtern der Anderen kannst du lesen, wie es um dich bestellt ist – morgens um 08:00 im Berufsverkehr. Es ist nur ein kleiner Schritt des Mutes, um es sich einzugestehen. Die ganz lange Leine, der subtile Druck, das kleine Glück. Onkel Toms Reihenhaushälfte. Jump they say.

Dann liegt dein Ich zermalmt auf dem Boden. Du warst doch immer gemeint, wie konnte das passieren? Jetzt bist du frei, denn du bist tot. Du kannst aufstehen und ungeniert dein Totenleben leben, dich nicht mehr scheren, deinen Preis aufrufen, der kleinen Illusion folgen, rückstandslos verbrennen und dem Sinn ein Schnippchen schlagen. Womöglich läuft alles weiter wie bisher, auch gut. Oder du machst es anders – nicht, um es allen zu zeigen, sondern weil du dann besser aus dem Bett kommst.

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Etwas Warmes braucht der Mensch

„Sei kreativ und werde dafür geliebt und bezahlt!“

Ich, gerade eben

Mit dieser Prämisse habe ich mich eine unvorstellbar lange Zeit beschäftigt und versucht daraus Konsequenzen zu ziehen, Anstrengungen zu unternehmen, bis hin zu kläglichen Ansätzen ‚Self-marketing‘ zu betreiben, meine Marke aufzubauen, der MT Klein zu sein, der ich immer sein wollte. Eine Stellung als erfolgreicher Künstler schien mir erstrebenswert; Einfluß gepaart mit Understatement, großzügiger Wohlstand, Liebling des Kulturbetriebes, Vorbild der Jugend. Bloß nicht sein Leben mit normaler Erwerbsarbeit und Pflichterfüllung verschwenden – diese ganzen schönen Talente sollen gehegt und gepflegt werden, das Licht nicht unter den Scheffel, das Leben eine gerade Schnur der positiven Entwicklung.  Bis neulich, als ich wieder einmal an dem Versuch scheiterte etwas zuende bringen zu wollen, diesmal einen langen Text.

Ob des unvollendeten Werkes, zumal diesmal der heilige Schwur bestand es zuende zu bringen, überkamen mich Gedanken der Unfähigkeit. Ein neuer Versuch mußte her, die Schwierigkeiten sollten überwunden, der Fluß aus Haferbrei durchfressen und das gelobte Schlaraffenland doch noch erreicht werden. So sagte ich es jedenfalls meinem Gesprächspartner beim Ginger-Ale trinken. Doch dieser entgegnete und brachte mir eine neue Sichtweise näher: ich sollte weniger arbeiten, mehr spielen – das käme meiner Natur näher. „Du bist ein Spieler.“

Herrje, ein Schuldenmacher? Jettonsüchtig? Smoking, gelöste Fliege und von Gorillas vor die Türe des Etablisements geleitet. Auf Nimmerwiedersehen.

Natürlich war das nicht gemeint – gemeint vielmehr war das lose Beschäftigen mit den Dingen im Rahmen einer lebenserhaltenden Verhaltensweise (no living under the bridge without Krakenversicherung). Mal Text, mal Kasterl gekaspert vulgo Comics / Cartoons, aufgreifen, fühlen, riechen, schmecken und dann wieder loslassen können. In den Spiegel sehen und nicht das Unvollständige sehen, daß es zu verbessern gilt, sondern den Hansel akzeptieren und Wert schätzen, der einen anblickt. Da ist nichts, was eines Fortschrittes bedarf, etwas, daß erreicht werden muß. Ich kann. Wenn ich gerade will.

Wo bleibt da die angenehm wärmende Sicherheit einer geschlossenen Selbstwahrnehmung? Die Definition der Person über die Tätigkeit? Futschikato (ja, ist ein Wort, steht im Duden 🙂 ).

Insofern bin ich nicht mehr ganz so geknickt ob des auf Halde liegenden Comic-Interviews, sondern schreibe lieber diesen Text, auf das es jemandem nütze, der vielleicht auch gerade in den Spiegel sieht und sich als ungenügend (6!) betrachtet.

Ein Eichhörnchen sehend

mtk