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Jetzt, nachdem das Laptop einmal durch die Waschstraße gegangen ist, ist das Leben viel schöner!

Der purpurne Mülleimer – Anoraks erster Fall – Teil 6

Die rechte Hand spürte ganz klar einen Widerstand, aber er versuchte weiter am Griff zu drehen. Der Bordcomputer stöhnte auf. „Oh Gott, ich habe es dir doch schon mal gesagt – schneller als schnell geht nicht. Wir fahren schon mit Höchstgeschwindigkeit!“ Davon unbeirrt drehte die Hand weiter und der Bordcomputer stöhnte wieder nur. Er musste seinem Ross die Sporen geben und vor der Zeit davoneilen. Es war halt nur irre schwierig, während der Fahrt den Tankdeckel zu öffnen und die Sporen aus dem Erlenmeyerkolben in die Öffnung zu gießen. Wenn ich nicht pünktlich bin, dann verpasse ich die Fähre und die nächste kommt erst wieder in dreizehneinhalb Jahren, dachte Salomon, während die Wälder von Graustanmori an ihm vorbeiflogen, die gar nicht grau sondern alle möglichen Farben aufwiesen. Das war auch der Grund dafür, daß einige Leute, die ab und an einen gepflegten Joint zu schätzen wussten, sich hier einfanden, bevor sie anfingen zu qualmen. Auch die Zwitschermann Brothers haben das so gemacht. Besonders, wenn ihre alleinerziehende Mutter wieder die schlimmen Geschichten von den verschiedenen Vätern der Brüder zum Besten gegeben hatte. Aber soviel konnten sie damals gar nicht rauchen, wie es notwendig gewesen wäre, ihre schändlichen Väter zu vergessen. „Schau nicht in den Wald, du Depp, sondern auf die Straße!“, blökte der Bordcomputer. Der Motorradpilot verzog sein Gesicht, wußte jedoch, daß das Elektronengehirn recht hatte – Augen auf im Straßenverkehr! – aber bei der nächsten Inspektion würde er eine freundliche, weibliche Stimme einbauen lassen. Nie wieder die Standardstimme, die unfreundlich und blechernd einhernörgelte. „Hör zu Bordcomputer, ich brauche jetzt mal kurz meine beiden Hände. Würdest du bitte für einen kleinen Zeitraum die Steuerung des Motorrads übernehmen? Die Straße geht ja immer geradeaus, sollte also kein Problem sein, oder?“ „Du weißt, dass deine Versicherungsprämie steigt, wenn du während Höchstgeschwindigkeit auf Autopilot wechselst, oder?“, gab der Computer schnippisch zurück. „Mach‘ es einfach!“ Mit einem deutlichen Beep und dem Aufleuchten einer Anzeige im Cockpit übernahm der Bordcomputer die Steuerung.

Jetzt konnte Salomon endlich in seiner Jacke nach dem Kolben mit den Sporen suchen, den Korken mit den Zähnen herausziehen und in den mittlerweile geöffneten Tank hineingießen. Die Sporen schwammen in einer Flüssigkeit, die einer Erbsensuppe nicht unähnlich war und auch ziemlich danach roch. Eigentlich fehlten nur noch die Würstchen und man hätte sich einen Teller und einen Löffel dazu gewünscht. Schnell den Deckel zuschrauben und wieder die Kontrolle übernehmen, bevor der Bordcomputer irgendwoanders hinfährt. Salomon umschloß die Griffe fester und erwartete den Schub der Sporen.
Ob es wirklich so eine gute Idee war, die Sporen an der Tankstelle mitgehen zu lassen, dachte Salomon. Aber ohne wäre er nie und nimmer in der Lage, pünklich zur Fähre zu kommen, die ihn zu seinem Ziel bringen sollte. Und was konnte er dafür, daß seine Kreditkarte gesperrt war? Die Bank hätte ihm eigentlich schon vor Jahren einen höheren Kreditrahmen einräumen sollen. Scheiß Kapitalisten!

„Wenn wir so weiterrasen, dann leidet die Stabilität des Fahrzeugs! Wir überschreiten die zulässige Höchstgeschwindigkeit um ein Mehrfaches und ich bin gezwungen die Behörden zu verständigen, falls wir nicht in den nächsten 30 Sekunden zurück auf Normalgeschwindigkeit gehen!“ Der Bordcomputer klang ein wenig überheblich bei der Übermittlung dieser Nachricht. Salomon schaute auf die Uhr und fing an zu rechnen. Bei Beibehaltung dieser Geschwindigkeit käme er gerade so an, daß er es aufs Schiff schaffte. Natürlich müßte er sein Motorrad mitsamt Bordcomputer unabgeschlossen stehen lassen, aber wahrscheinlich fährt die beleidigte Leberwurst ohnehin direkt zur nächsten Polizeiwolke um ihn anzuschwärzen. Aber brauchte er 45 Sekunden ungebremsten Schub. Während die Bäume so schnell an ihm vorbeizogen, daß er den Eindruck hatte, er sei mit Regenbogen-Magen-Darm geschlagen, dachte er nach. Woher nehme ich die verdammten 15 Sekunden, ging es durch seinen Integralhelm mit aufgeklebtem Elchgeweih. Salomon reagierte blitzschnell und klinkte die beiden schweren Seitenkoffer aus. Es gab einen höllischen Aufprall, ein mehrfaches Scheppern und er konnte sich vorstellen, wie seine druckkomprimierten Habseligkeiten auseinanderflogen und sich Bücher, Unterhosen, das Zelt, die Multifunktionsäxte und all die anderen liebgewonnenen Gegenstände hinter ihm in eine riesige Wolke von nutzlosen Konsumgütern verwandelten. Er wollte (und konnte, jedenfalls nicht bei dieser Geschwindigkeit) nicht nach hinten sehen und dem Kram nachweinen, aber der Gewichtsverlust brachte wieder ein paar km/h mehr ein, gerade soviel, daß der Abbremsvorgang des dämlichen Bordcomputers ihn nicht um seine Passage bringen würde.

Salomon schaute von der Reling auf sein Gefährt, das leise vor sich hin qualmend am Pier auf und ab fuhr und über den Bordcomputer belehrende juristische Hinweise an ihn richtete. Wie vorhergesagt fuhr das Motorrad dann endlich selbstständig nach Hause oder sonstwohin, aber Salomon war schon außerhalb des Hafens und er fühlte sich sicher auf dem Schiff. Wenn sein Plan aufging und er erfolgreich wäre, dann wäre er der neue Besitzer des purpurnen Mülleimers und hätte folglich auch nichts mehr zu fürchten. Er begab sich auf das oberste Deck, setzte sich neben ein paar Touristen aus dem Jammertal (das Jammertal lag 150km südlich des Waldes von Graustanmori und die Fahrt mit dem Schiff nach Söndholm war eine beliebte Tagestour für viele Jammertaler, die sich keinen Fernurlaub oder einen Besuch im Freizeitpark von Malrec leisten konnten, obwohl die Preise für den Park nach dem schlimmen Unfall mit der Geisterachterloopingwasserkatapultraupe ehrheblich gesenkt worden waren), steckte sich eine Zigarette in den Mund und an und holte schließlich ein Blatt kariertes Collegeblockpapier aus seiner linken Brusttasche hervor. Bevor er es entfaltete, schaute er sich noch ein paar Mal verschwörerisch nach Links und Rechts um. Nicht weil da wirklich irgendwelche Verfolger sein hätten können (er hatte eigentlich alle umgebracht), aber Salomon tat es, weil er es so oft in den Filmen gesehen hatte. Im Kino. Das war dann immer der spannende Teil und die Musik wurde dramatisch. Er beugte sich vor und studierte zufrieden das Papier. Da stand die Methode, wie er den Mülleimer aus der Zeitfalle befreien und sicher in seinen Besitz bringen konnte. Easy. Super leicht, wenn man es einmal wußte. Er zerknüllte das Papier, steckte es sich in den Mund und kaute ein paar Mal darauf rum und schluckte.

Er versuchte es jedenfalls.

Es hing in seinem Rachen fest. Panisch sprang er auf, beugte sich nach vorne, würgte, die Jammertaler rückten von ihm ab, er lief langsam rot an, gestikulierte wild in die Richtung der Mitreisenden, bekam einfach keine Luft, ging in die Knie, Tränen schossen ihm in die Augen, er stützte sich mit den Armen auf, ein leichtes Kribbeln durchzog langsam seinen Körper, dann sah er ein paar Füße in durchsichtigen Sandalen vor sich, irgendwer riß ihn hoch, legte die Arme um ihn und hob ihn immer wieder ruckartig an. Dann endlich verließ eine ziemlich nasse Papierkugel im hohen Bogen seinen Mund und Salomon zog gierig Luft ein. Es dauerte ein paar Minuten, bis er wieder wußte wo und wer er war. Der erste klare Gedanke war, daß er beim nächsten Mal die super geheimen Dokumente eher verbrennt, als sie zu essen. Jetzt endlich schaute er sich um, damit er sich bei seinem Retter oder Retterin bedanken konnte, aber er fand niemanden vor und auch die Fußkontrolle der Anwesenden auf dem Deck ließen ihn niemanden mit durchsichtigen Sandalen entdecken. Alles was er sah, waren die ausdruckslosen Jammertal-Fressen.