Altersmilde

Über die Schulter, zwischen den Beinen hindurch, vielleicht auf der anderen Seite, über oder drunter. Durch die Nasenlöcher, mittlerweile wieder frei, geschnauft, keiner hat es wahrgenommen, umher geschaut, nichts als Ruhe. Breit bettet sich der Strom, satt ziehend, die Schlüsse, die Musik will mich nicht verändern, auch nicht zum Guten. Suche die Unrast, alte Freundin – bin doch nicht schwul – alles ist Langsamkeit, endlich, noch nicht am Ende, aber auf dem Weg. Nirgendwo positiv, aber das Gegenteil hat sich auch nicht eingeladen. Der Schokomann angenagt, seine Tage sind gezählt, die Kalorien noch nicht, alles verströmt Sicherheit, die Beleuchtung erwärmt mit energiesparendem LED Licht, Spätheimkehrer – heute nicht. Legt mir die Welt zu Füßen oder wenigstens einen Hund.

Käptn mein Käptn

Käptn Klarsicht taucht auf. Sein Boot durchbricht die Oberflächenspannung und steigt auf, während kleineres Seegetier und Tang sich an der stählernen Röhre festhalten, wider besseren Wissens. Vom Turm aus wird eine Wäscheleine gespannt und an Bug und Heck festgeknotet. Rosa Damenunterwäsche flattert nun frei im Wind, der Weichspülergeruch erfüllt geographische Längen und Breiten und Klarsicht bestimmt seine Position mittels antiker Navigationgeräte, die aus Delphinknochen und Walfischvorhaut in tagelanger Handarbeit von der kundigen Mannschaft hergestellt wurden. Er hat es nicht so mit der Digitalität.
Einzig seinem Logbuch vertraut er an, daß er schon seit Jahren nicht mehr weiß, wohin die Reise gehen soll. Beim Käpitänsdinner und bei der Weihnachtsfeier zieht Klarsicht seine weißeste Uniform an und versucht Zuversicht zu verbreiten, er schüttelt Hände und verkündet die Bingo-Zahlen. Ab und an traut sich auch noch jemand, dann ist er ebenso zur Stelle. Genauso, wenn jemand eingenäht und beschwert der See übergeben wird. Gründe gibt es keine mehr.

Ein Incentive

Erst wenn du weißt, daß du ein Sklave bist, kannst du frei sein, sage ich.

Wehre nicht ab, schüttel nicht den Kopf, die Huftas oder alles was du hast: jeden Morgen ein Verbraucher. Die Dinge verbrauchen sich unter deinen Händen, sie verlieren an Substanz, werden fadenscheinig oder transformieren sich in Kot, Abwärme, Atemluft, Lebenszeit. Kleine Wölkchen am Bahnsteig, eng an eng der Stoßstangentanz – zusammen mit allen anderen, die kein Land besitzen und auch nicht wüßten, was sie damit anstellen sollten.

Du sollst verbrauchen. Immer wieder neu, immer mehr als gestern. Ansonsten machst du dich schuldig an deinem Nebenmann und nehmen wir es genau, auch an deiner Nebenfrau, denn wie sollen die konsumieren ohne dein Zutun?

Aber es ergibt Sinn, rufst du, die Kinder, das Haus, die Wärme; jemand muß es ja tun, unter der Brücke liegend zu fermentieren droht! Also in die Hände und auf den Penner gespuckt und sich beugen, tief hinab (aber Prostitution ist lästerlich, jaja!), den Gewinn erbringen, der irgendwo in der Ferne von deiner Organisationseinheit erwartet wird.

Immerhin darfst du noch mitspielen. Freie Zeit, sehr wenig, Haus und Hof, Verpflichtung, Fressen, Ficken und vor allem: Ablenkung. Ablenkung von dem kümmerlichen Dasein, daß du mit zu heiß aufgeblasenen Attributen versiehst: Vater, Mutter, Kind, Nation, Glaube, Zukunft, Hoffnung, der Kessel voll Gold am Ende des Regenbogens – Bedeutung. Darüber gießt du viel Alkohol – viel hilft viel. Danach wieder in das Rad, das Kreuz aufnehmen, Stein den Berg hochrollen, der Adler, die Leber; angeschwollen und fett vom Geselligsein.

In den Gesichtern der Anderen kannst du lesen, wie es um dich bestellt ist – morgens um 08:00 im Berufsverkehr. Es ist nur ein kleiner Schritt des Mutes, um es sich einzugestehen. Die ganz lange Leine, der subtile Druck, das kleine Glück. Onkel Toms Reihenhaushälfte. Jump they say.

Dann liegt dein Ich zermalmt auf dem Boden. Du warst doch immer gemeint, wie konnte das passieren? Jetzt bist du frei, denn du bist tot. Du kannst aufstehen und ungeniert dein Totenleben leben, dich nicht mehr scheren, deinen Preis aufrufen, der kleinen Illusion folgen, rückstandslos verbrennen und dem Sinn ein Schnippchen schlagen. Womöglich läuft alles weiter wie bisher, auch gut. Oder du machst es anders – nicht, um es allen zu zeigen, sondern weil du dann besser aus dem Bett kommst.

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