Am Haken

Am Haken

Ein Theaterstück für Unentschlossene

Benötigte Personen:

Akteurerin_1 (AK1)

Es ist dunkel. Nebel wallt herum und hüllt die Szene ein. Das Einzige, was zu sehen ist, ist etwas, was eine Brüstung inklusive einem durchschnittlichen Geländer sein könnte, etwas langweiliges, was man überall auf der Welt als Notwendigkeit finden kann, damit tumbe Menschen nicht von Türmen, Brücken oder anderen erhöhten Positionen herunterfallen können.

AK1:

“So, jetzt reicht es mir aber. Ich habe genug von dieser schnöden Welt, die von einer wilden Horde Pavianen mit Schuhen beherrscht wird, deren Sinnen und Trachten nur von Machtgelüsten und Geldgier geprägt ist. Ich begebe mich nun über diese Absperrung und falle tief. Das wird mein Körper nicht aushalten und ich werde mich in tausend kleine Fetzen verwandeln, die nicht mehr als das funktionieren können, als was ich mich bisher damit identifizierte. Dann werden meine Konzepte nicht mehr konzipieren und mich mit Traurigkeit anfüllen. Nur um die armen Menschen, welche die Schweinerei wegmachen müssen, tut es mir ein wenig leid…”.

Akteurerin_1 klettert auf die Brüstung. Sehr unelegant, weil sich seit Jahren schon nur noch geistig bewegend.

AK1:

“Es ist so mühselig, dass man schon fast die Lust verliert am Lust verlieren. In den ollen Römerfilmen kam einem wenigstens ein Sklave zu Hilfe, aber so…”.

Akteurerin_1 rutscht ab, fällt ungewollt und unkontrolliert und bleibt kurz unterhalb der Brüstung an einem Haken (vielleicht eine Vorrichtung für Kabel oder ähnlichem) mit ihrem Mantel hängen und baumelt so nun wie auf einem Kleiderhaken hängend über der Tiefe, unfähig zu fallen oder sich wieder nach oben zu ziehen.

AK1:

“KruzisakraMariaundJosef! Da habe ich nun den Salat! Diese modernen Kunstfasern werden mich in hunderttausend Jahren nicht freigeben, so stabil wie sie gewebt sind.”

Eine kleine Weile lässt man sich hängen und betrachtet die Umwelt.

“Wenn ich nur hinausschlüpfen könnte.”

Es wird versucht sich zu bewegen. Die Arme baumeln und die Beine zappeln ein bisschen, aber ohne nennenswerten Erfolg in Sachen Absturz.

“Ein schöner Reinfall! Ich sollte um Hilfe schreien, damit mich jemand fallen lassen kann. Aber hier kommt so schnell niemand vorbei – deswegen bin ich ja hierher gekommen!”

Pause

“Erhängen fand ich doof und nun habe ich mich unfreiwillig und unlethal erhängt. Beschämend ist das Ganze auch noch. Jetzt möchte ich die Zeit rückgängig machen und lieber vernünftig mich vor einen Zug schmeissen.”

Pause

“Was wohl die Vögel denken? Man schlüpft aus dem Ei, reisst den Schnabel weit auf, ein paar Geschwister fallen aus dem Nest und schwuppdiwupp segelt man durch die Luft, kackt den Leuten auf den Kopf und sucht nach ein paar fetten Würmern. Vielleicht erfriere ich hier oben einfach und dann diene ich quasi als Meisenknödel den geflügelten Freunden als Nahrungsquelle. Madenknödel.

Pause

“Hoffentlich kommt keine Spinne hier vorbei. Normalerweise gibt es unter solchen Konstruktionen immer tausende Spinnen und ihre Gewebe. Ogotto, vielleicht krabbelt mir dann eine auf dem Kopf herum, wie scheußlich. Ich habe doch eine solche Spinnenphobie! Das würde ich nicht überstehen!”

Pause

“Scheinbar zu kalt für Spinnen. Kalt. Kälte. Jetzt eine schöne Tasse Tee. Dann wäre das Rumgehänge ein wenig erträglicher.”

to be continued…

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uerträgliches gegackere

gurrende glucksende geschrumpfte schröpfgeräusche  elastisches gewebe dehnt über und knarrzend knackend gibt Weg plötzlich und ruckhaft reißend  baumelnd verdreht knorpelig Prachtbau Proleten – wie immer – Saft triefend sämig milchig trüb  tropfend tropfend lang lang ewig lang  keuchende Gestalten schlurfen schief dunkel und niederträchtig gewaltsam im Verborgenen – sowieso gestählt – Knie gebeugt  Frontzähne stoßen Backsteine hart  eisenhaltig orientierungslos Zeit vergangen Kopf gespalten taumelnd Grelllicht beißt und Mitmensch kalt sauerer Schwall sandig schleimig  Kälte wärmt  Geist tropft Bewußtsein sickert ein krumme Touren leutseliger Affenhorden Katzenkot kulminierende Giftküchen kleine Haufen kleiner Finger Hautfetzen schwielend schielend Eiterpfropf – schwülig dumpf träge Sumpfgewässer wo torfig Zweige ragen  Mühlstein reibt schmierige Pfützen ölartig klein Gewebe zerfasert blitzend kreischend Zwölffingergedärm museal nasal Narval Narretei  Fromms Folter Fotzen focal formieren Frieden  gütig gemäßigt grummelig gurrend sanfte Meßdiener samtene Parkbänke

 

genau! genau! genau!

 

pieksend schrill siehste nichts als Wieste ohne Wasser  gerade und mit vielen Kurven an jeder Ecke Hauken Harken Pamphlete  flach gelegter Geist kaum benutzt spärlichst bewuchert provokant pikiert  Eisenspäne und langsames Erwachen viel zu spät karrikierend Rasiermesserklingen unter Fingernägeln rosten  Schuß für Schuß und Knall auf Fall  Salze schieben rotglühend kurze Blicke tauschend angestrengt aberwitzige Antiquariate behände beiseite. Wurstwasser seit zwanzig Tagen unbehandelt in der prallen Sonne  Menschenfleisch in Würfel gehakt Dardanellen dunkel darbend ungeschickt  Hupe  Häuser  Hamster  unisono Sirenen suchen Solotänzer Schwänzer

Alle gackern

Unerträglich

 

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Verkleidungen

Nicht alles ist immer so wie es scheint. Manchmal gerieren sich Schneeflocken, als wenn es Sonnenstrahlen wären und wenn man sich dann nach draußen begibt, leicht bekleidet und mit einem Lied auf den Lippen, dann schlagen sie dich nieder und lassen dich frösteln. Manchmal ist aber auch alles genauso, wie es scheint. Dann ist ein Kuß ein Kuß und er drückt alles genau richtig aus.

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In the Bundesbahn, nachts um halb sieben…

Das Zugabteil ist entgegen der Plakatwerbung, die zur Zeit überall in der Stadt verklebt worden war, mitnichten ein neues oder in irgendeiner Weise ‘Nächste Generation’ – hier ist der Charme der frühen 90er allgegenwärtig, obwohl das Baujahr bestimmt schon in den 2000er Jahren liegt und ich es einfach nicht sehe. Wir haben noch zwanzig Minuten Zeit bis zur Abfahrt. Das freundliche Grau umfängt nur mich und noch eine Mitreisende, die Abteilbeleuchtung ist gedimmt und erfreulicherweise bleibt das übliche Gedrängel und die panischen “Hier ist mein Platz, ich habe reserviert!”-Attacken der anderen Zugfahrer aus, weil einfach genügend Zeit vorhanden ist. Warum machen die das eigentlich nicht immer so? Noch 16 Minuten bis zur planmäßigen Abfahrt. Von hinten schwebt eine grün-graue Damenhandtasche auf den Platz neben mir.

Die Dame, die mit mir zusammen fährt, muss sich und ihre Habseligkeiten zuerst noch sortieren, bevor sie neben mir Platz nimmt (am Fenster) und einen Krimi herauskramend die Armlehne als Grenzmarkierung zwischen uns herunterklappen lässt. Noch vierzehnminutenbiszurabfahrt. Das Abteil ist nur mit 9 Plätzen besetzt und nur langsam wanken die übrigen Fahrkarteninhaber hinein. Restlos alle Plätze scheinen reserviert zu sein – junge Männer benehmen sich auffallend hilfsbereit und helfen Damen ihre Koffer oder Taschen in die dafür vorgesehene Ablage zu wuchten. Ich konnte die Dame nicht ansehen und auch ihr Gepäckstück nicht. Der Zugführer macht eine Durchsage: aus technischen Gründen gibt es leider kein Bordbistro oder Bordrestaurant in diesem Zug und man möge sich doch, falls gewünscht, bei dem kleinen Kiosk auf Bahnsteig 8 versorgen. Zehn Minuten Zeit hätte man dafür noch, denn dann fährt der Zug ab. Ein Paar rollt mit fast identischen Trolley-Koffern an mir vorbei und fährt mir beinahe über die Füße. Bei näherem Hinsehen ist es exakt das Modell, welches auch ich besitze. Zum Glück sitzen sie weiter von mir entfernt: eine Verwechslung ist so eher ausgeschlossen. Ein langer Kerl mit Haarkranz-Glatze und der Erscheinung eines Therapeuten bugsiert eine aufwendige Verpackung in die Gepäckablage. Es könnte eine Flasche Champagner sein, aber auch dieses Detail konnte ich nicht so recht erkennen. Er wirft sich in den Sessel und lässt gleichzeitig die Rückenlehne herunter. Sehr elegant. Und zum ersten Mal hat er das auch nicht gemacht. Auf jeden Fall lässt sein mir entgegenkommender Sitz mein Laptop leicht zusammenklappen und ich muss der Dame neben mir ein wenig näher kommen, um beim Schreiben die Arme ausreichend abwinkeln zu können. Dafür kann er jetzt ganz entspannt auf seinem Smartphone Sudoku spielen. Wenigstens einer hat Spaß.

Man spielt Sudoku.

Der Zug rollt. Mindestens zwei Minuten zu spät. Wahrscheinlich musste noch schnell jemand eine Bifi am Kiosk kaufen und das Wechselgeld kam nicht schnell genug vom Verkäufer zurück. Und wieder beginnt die Phase der schlechten Internet Erreichbarkeit. Hinter Hamburg habe ich immer das Nachsehen und während alle anderen Menschen scheinbar mühelos in ihren leistungsstarken Netzwerken unterwegs sind, muss ich bis Bremen warten. Bis ich auf dem Bahnsteig stehe. Man könnte also sagen, dass ich eher semi-mobiles Internet nutze. Ich muss an meinen ehemaligen Klassenkameraden RH denken, der angeblich Lokführer geworden ist und arbeitsunfähig, weil ihm ein Zeitgenosse in suizidaler Absicht vor das Arbeitsgerät gehüpft ist. Das letzte Mal, dass ich ihn sah, war vor vielen Jahren und wir hätten uns beinahe geprügelt. Dabei habe ich mich nur ein Mal in der Schule geprügelt und habe bei dieser Gelegenheit fiese Faustschläge in’s Gesicht ausgeteilt. Jetzt bin ich sehr müde.

Ein junger Mann läuft linkisch den Gang zwischen den Sitzreihen entlang, eine Bierflasche hinter seinem Rücken verbergend. Der Therapeut macht seine Sudoku App aus und direkt danach kommt der Bierflaschentyp wieder zurückgelaufen. Scheinbar sind wirklich alle Plätze in diesem Zug reserviert.Vielleicht sollte ich einfach wieder was lesen? Oder etwas trinken? Wasser womöglich, denn sonst schleppe ich das noch ungeöffnet mit mir rum. Eulen nach Athen tragen.

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F**k the m*****h

Am heutigen Tag ist kein verdammter Jesus geboren worden. Der ist gar niemals nie in dieser Gestalt geboren worden, schon mal erst recht nicht von einer Jungfrau(!). Dieser Drecksverein Kirche konnte es wohl nicht anders übers Herz bringen den Heiland auf die Welt kommen zu lassen, als durch eine Karikatur von einer Frau. Immer schön rein bleiben, damit man den Patriarchen auch gefällt – und den cleanen ‘Sohn’ Gottes durch einen dreckigen Akt menschlicher Sexualität in die Geschichte zu injizieren geht nun mal gar nicht. Ich brauche keine durch Menschenhand erdachte Märchenfigur, um moralisch zu handeln. Religion muss endlich überwunden werden.

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